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BL - "kompakt" bei torwart.de

Aus der Not eine Jugend

von Alex Raack

Marc-André ter Stegen (Foto Firo)

In der Not frisst der Teufel Fliegen. Und besinnen sich Fußball-Trainer auf die Talente aus den eigenen Reihen. Das war in den vergangenen Jahren im deutschen Fußball immer so und meistens hatte es Erfolg: Weil eine überalterte Nationalmannschaft bei den Europameisterschaften 2000 und 2004 mit faulem Fußball früh ausschied, setzte der DFB ein Nachwuchsförderungskonzept durch. Das Ergebnis ist bekannt. Weil Borussia Dortmund mit überteuerten Stars fast in den finanziellen Abgrund gerast wäre, setzte die Vereinsführung auf billige Spieler der eigenen Jugend. Das Ergebnis ist bekannt. Und auch Borussia Mönchengladbach machte aus der Not eine Tugend: Der neue Trainer Lucien Favre hat schon viel bewegt, als seine größte Tat dürfte allerdings der mutige Torwartwechsel angesehen werden. Statt weiter auf den schwächelnden belgischen Nationaltorwart Logan Bailly zu setzen, stellte Favre einfach den deutschen U-19-Nationalspieler Marc-André ter Stegen ins Tor. Und plötzlich hat die Borussia wieder ernsthafte Chancen, den Abstieg in die 2. Bundesliga zu verhindern.

Am 29. Spieltag stellte Favre den jungen Mann, der zuvor nur in Borussia Reserve gespielt hatte, ins Tor. Ein Signal für die Mannschaft: Aufbruch, Umbruch, Neuordnung, wie man es nennen wollte – es funktionierte. Von den vergangenen fünf Partien gewann Gladbach vier Spiele, spielte einmal Unentschieden und ließ nur zwei Gegentreffer zu. Eine sensationelle Ausbeute für ter Stegen, zumal sich die Borussia zuvor den Ruf als »Schießbude der Liga« erworben hatte: Bis zum 29. Spieltag waren es 62 Gegentreffer, mehr hatte zu diesem Zeitpunkt niemand in der Bundesliga. Dann kam ter Stegen, ein zu diesem Zeitpunkt 18-jähriger Torwart (Geburtstag: 30. April) und plötzlich war alles anders. Die Defensive, sonst wacklig wie ein morscher Angelsteg, präsentierte sich kompakt und souverän wie nie zuvor in dieser Saison. Selbst scharf getretene Flanken, sonst ein gutes und einfaches Mittel um Borussias Abwehr zu knacken, hatten keine Wirkung mehr, denn ter Stegen fing, was zu fangen war. Sein Vorgänger, Logan Bailly, ist besitzt hervorragende Reflexe. Was er nicht besitzt ist ein ausgezeichnetes Stellungsspiel. Ter Stegen, dem man ansieht, dass er eine bessere Ausbildung genossen hat, verfügt auch darüber. Sein Torwartspiel universaler, unaufgeregter und die Vorzüge konnten Gladbachs Fans denn auch gegen Freiburg genießen. Ob Fußabwehr, schnelle Reflexe, Faustabwehr, sicheres Fangen, präziser Abwurf – ter Stegens Spiel hat der Gladbacher Defensive eine neue Qualität verliehen. Durch das 2:0 gegen den SC Freiburg (und die gleichzeitigen Patzer der Konkurrenten aus Frankfurt und Wolfsburg) ist Borussia Mönchengladbach vor dem letzten Spieltag der Saison plötzlich nur noch Tabellensechzehnter. Das würde die »Qualifikation« für die Relegationsspiele bedeuteten. Und schon das ist mehr, als man den Gladbachern bis zum 29. Spieltag zugetraut hat. Marc-André ter Stegen sei Dank.


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