| Home > Archiv > 3. Magazin kompakt-Archiv > 3.1 Magazin-kompakt 10/11 > Bundesliga > BL: Ikonisierung auf Schalke
von Alex Raack
 M. Neuer (Foto Firo)
Wie jeder normale Mensch weiß, ist der FC Schalke 04 kein normaler Fußball-Verein. Fans dieses Vereins verehren ihren Klub mit nahezu religiösem Eifer, kein Wunder, dass das Stadion eine eigene Kapelle besitzt, in der sich Schalke-Mann und Schalke-Frau trauen können. Wenn sie denn möchten. Schalke, das ist für die Menschen, die regelmäßig die Arena in Gelsenkirchen bevölkern, mehr als Fußball. Schalke ist Religion. Und eben weil diesem Klub so viel Liebe entgegen gebracht wird, erwartet man von den Fußballern, die es würdig sind, das blau-weiße Trikot zu tragen, in steter Regelmäßigkeit Wundertaten, die über das normal zu leistende deutlich hinaus gehen. Die Menschen auf Schalke wollen Ikonen – und seit Freitagabend haben sie wieder eine neue Ikone gefunden. Sie heißt: Manuel Neuer.
Nun wollen wir an dieser Steller nicht auch noch einstimmen in den völlig verzückten Jubeltenor, der nach dem Schlusspfiff im Derby zwischen Dortmund und Schalke 04 ausgebrochen worden war. Unverständlicherweise endete diese völlig einseitige Partie 0:0 und wirklich jeder wusste anschließend, wer für dieses Ergebnis verantwortlich. Eben jene neue Schalker Ikone, der amtierende Nationaltorwart Manuel Neuer. »Mindestens sechs, sieben Aktionen«, hatte BVB-Trainer Jürgen Klopp gesehen, in denen Neuer »weltklasse« hielt. Bundestrainer Joachim Löw schlagzeilte: »Das war nicht Dortmund gegen Schalke, das war Dortmund gegen Neuer!« Und als die »Sportschau« am Samstagabend einen Nachbericht über das freitägliche Spektakel von Dortmund brachte, da raunte der Sprecher irgendwann: »Manuel Neuer bot eine Leistung, die es so in der Bundesliga vielleicht noch nie gegeben hat.« Das war natürlich maßlos übertrieben. Die Liste derer Torhüter, die sich in einzelnen Spielen 90 Minuten lang in personifizierte Betonmauern verwandelten, ist lang. Und doch war die Leistung von Neuer natürlich absolut herausragend. Auch wenn die Wahrheit des 0:0 auf der anderen Seite lag. Wenigstens einer nannte sie nach Spielende, der mürrische Ur-Dortmunder Kevin Großkreutz: »Der hat gut gehalten. Aber die Fehler lagen bei uns, wenn wir unsere Chancen nutzen, fahren die Blauen mit 0:5 nach Hause!« Korrekt, denn kein Torwart der Welt ist in der Lage, wirklich jeden Schuss zu halten, den gegnerische Stürmer abgegeben. Auch wenn es am Freitag so aussah. Doch was, wenn Lucas Barrios statt kurz vor Neuer abzustoppen in voller Fahrt aufs Tor gerannt wäre und den Ball überlegt mit der Innenseite, statt mit der Spitze, seines Fußes zu treten? Was, wenn der Pole Lewandowski Neuer im entscheidenden Moment locker umkurvt hätte, statt erschrocken den menschlichen Berg anzuschießen, der sich plötzlich vor ihm aufgebaut hatte? Doch: Wollen wir an dieser Stelle nicht zu viel nörgeln, denn das Glück des Torhüters ist immer relativ, sein Spiel stets risikoreich. Manuel Neuer hatte gegen Borussia Dortmund einfach auch eine Menge Glück. Und wenn ein Spieler mit seinem Talent so viel Glück an jedem Wochenende hat, dürfte der FC Schalke in dieser Saison zumindest in der Defensive keine Probleme mehr haben.
 |