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Home > Archiv > 3. Magazin kompakt-Archiv > 3.1 Magazin-kompakt 10/11 > Bundesliga > BL: Kamikaze wider Willen

BL - "kompakt" bei torwart.de

Kamikaze wider Willen

von Alex Raack


T. Wiese (Foto Firo)

Es gibt Spiele, die zwingen Torhüter dazu, einfach mal auszurasten. Uli Stein schlug einst seinen Gegenspieler Jürgen Wegmann mit einem gezielten Fausthieb zu Boden. Oliver Kahn biss einst in den Hals des Dortmunders Heiko Herrlich. Und dann wäre da noch Tim Wiese. Der hat am Wochenende das erste Mal in seiner Laufbahn eine Rote Karte erhalten, als er beim Stand von 1:3 gegen den FC Bayern Nationalspieler Thomas Müller umgrätschte. Die erste Rote Karte? Korrekt. Erst einmal ist Wiese zuvor in der Bundesliga vom Feld verwiesen worden: 2003 war das, am 2. Spieltag der Saison 2003/04 gegen den 1. FC Köln. Damals spielte Wiese noch für den 1. FC Kaiserslautern. Werder Bremen holte später die Meisterschaft. Von diesen Zeiten sind Tim Wiese und Werder Bremen aktuell so weit entfernt, wie die Erde vom Mond.

Hatte Wiese denn eine andere Wahl? Natürlich hatte er die. Aber irgendwie konnte man es ihm nicht verübeln, als er den frei auf sein Tor zulaufenden Müller über den Haufen rannte. Zu furchtbar war zuvor das Spiel für die Bremer verlaufen. 65 Minuten lang schöpften die abstiegsbedrohten Hanseaten Hoffnung vielleicht einen echten Überraschungscoup zu landen. Per Mertesacker hatte die Gastgeber gegen den FC Bayern in Führung geschossen, Thomas Kraft war ohne Chance gegen den intelligenten Schlenzer. Dann traf erst Robben zum Ausgleich, lenkte Torschütze Mertesacker den Ball ungelenk ins eigene Tor und traf Ex-Bremer Miro Klose zum 3:1. In nur 20 Minuten zerbrachen alle Träume der Bremer, auch die von Torhüter Tim Wiese, der so gerne mal wieder »zu Null« gespielt hätte. Stattdessen hat er mit 42 Gegentoren in 20 Spielen bereits die zweitmeisten Treffer hinnehmen müssen, schlechter ist nur Borussia Mönchengladbach (50). Werder und Wiese müssen sich spätestens seit diesem Spieltag komplett auf den Abstiegskampf einstellen. Für den erfolgsverwöhnten Wiese ein Horrorszenario, dass er folgerichtig mit einem Horrorfoul krönte. Immerhin: Die nun folgende Sperre erspart Wiese die Teilnahmen an mindestens zwei Partien. In der aktuellen Situation von Werder Bremen ist das eher Geschenk, denn Katastrophe...

R. Weidenfeller (Foto Firo)

Wenn es derzeit so etwas wie einen Anti-Wiese gibt, dann ist das wohl Roman Weidenfeller. Ein Vergleich, der insofern einen Reiz hat, weil Weidenfeller und Wiese einst beim gleichen Lehrmeister ausgebildet wurden: Gerry Ehrmann. Weidenfeller ist in dieser jungen und so erfolgreichen Dortmunder Mannschaft der Stützpfeiler einer (ansonsten) jungen und erfolgreichen Defensive. In 20 Spielen hat der BVB erst 12 Gegentore zugelassen, das ist ein fantastischer Wert. Zum Vergleich: Auf Platz zwei dieses Rankings folgt Mainz mit 21 Gegentreffern. Am Wochenende haben die Dortmunder schon wieder gewonnen, der VfL Wolfsburg wurde mit 3:0 aus dem Weg geräumt. Und als Romand Weidenfeller einmal kurz behandelt werden musste, sagte der Reporter: »Ein Ausfall Weidenfellers wäre ein Verlust, er ist der einzige Spieler in dieser Mannschaft, der nicht zu ersetzen ist.« Wie wahr. Auf fast allen Positionen ist der BVB doppelt besetzt, nur im Tor ist der Klub ein Risiko eingegangen. Hinter Weidenfeller, der seinen Stammplatz so sicher hat, wie sonst niemand in der Liga, stehen mit dem Australier Mitchell Langerak und dem erst 20-jährigen Johannes Focher zwei völlig Unbekannte ohne Bundesliga-Erfahrung. Nur gut, dass Roman Weidenfeller einiges einstecken kann. Auch das hat er bei Gerry Ehrmann gelernt. Ein Trainer, der für diese Sätze bekannt geworden ist: »Für meine Keeper gilt auch: Fehler sind OK, aber nicht Fehler, die aus Überheblichkeit oder Angst passieren. Es ist ja noch keiner vom Ball erschossen worden... Wenn man einen Ball mal an den Kopf oder zwischen die Beine bekommt, geht es weiter!«


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