| Home > Archiv > 3. Magazin kompakt-Archiv > 3.1 Magazin-kompakt 10/11 > Bundesliga > BL: Nicht langsam, nur Genießer
von Alex Raack
 M. Hitz (Foto Firo)
Seit einigen Wochen macht die Werbung für ein neues Getränk in deutschen Supermärkten die Runde. Auf großen Pappwänden sieht man einen offensichtlich äußerst entspannten Herren in den besten Jahren, der gelassen über seine Brillenränder lugt und dem vermeintlichen Käufer in die geweiteten Augen säuselt: »Wir Schweizer sind nicht langsamer. Wir genießen nur länger.« Wenn die Fußballer vom VfL Wolfsburg richtig gemein sind, dann werden sie ihrem Kollegen Marwin Hitz genau so einen Aufsteller aus dem nächsten Edeka klauen und im Spind verstecken. Denn Hitz, Ersatzmann für den verletzten Diego Benaglio, ist 1.) Schweizer und hat es 2.) am vergangenen Wochenende etwas langsamer angehen lassen. Was an sich kein Problem ist, doch Hitz stand auf dem Rasen des Wolfsburger Stadions und sollte ein Bundesligator beschützen. Das ist ihm nicht ganz geglückt. Als Leverkusens Arturo Vidal nach 72 Minuten eine Flanke in den VfL-Strafraum schickte, versuchte sich Hitz als Superman-Double und flog dem Ball mit geballter Faust entgegen. Dumm nur: Er war zu langsam. Das sollte Superman nicht passieren, einem Bundesligakeeper schon gar nicht. Simon Rolfes, nach fast einjähriger Verletzungspause wieder auf dem Rasen, dankte es dem Schweizer U-21-Torwart und köpfelte artig ein. Der 1:2-Anschlusstreffer hatte böse Folgen. Für den VfL im Allgemeinen, denn der Gast aus Leverkusen gewann die Partie tatsächlich noch mit 3:2 und für Marwin Hitz im Speziellen. Denn nach dem Spiel suchte der wütende VfL-Manager Dieter Hoeneß einen Sündenbock und griff sich seinen jungen Schlussmann: »Ich weiß nicht, was Marwin da wollte!« Kleinlaut bestätigte Hitz: »Das 1:2 geht auf meine Kappe, aus diesen Fehlern muss ich lernen.« Die typische Schweizer Gemütlichkeit hat auch schon mal bessere Zeiten erlebt.
Wer es nicht so mit Gemütlichkeit hat, dem sei ein Besuch in Köln empfohlen. Dort sorgte die Entscheidung von FC-Trainer Zvonimir Soldo vor dem Spiel gegen Borussia Dortmund, auf Stammtorwart Faryd Mondragon zu verzichten, für eine Menge Unruhe. Der Kolumbianer, offenbar zutiefst in seiner Torwart-Ehre gekränkt, verließ wütend das Mannschaftshotel und ward nicht mehr gesehen. Für ihn hievte Soldo stattdessen den jungen Miro Varvodic ins Kölner Tor. Und der 21-jährige Kroate machte eine gute Partie. Freilich half das auch nichts gegen die furios aufspielenden Dortmunder, die sich mit dem 2:1-Auswärtserfolg auf Platz 1 in der Tabelle katapultierten. Und dennoch: Der Stammtorwart beleidigt wie ein Schuljunge aus dem Hotel gelaufen, von der Vereinsführung gerügt und ganz offensichtlich ins zweite Glied beordert – eigentlich die Chance für Varvodic sich selbst für weitere Einsätze im Kölner Tor zu bewerben. Doch Varvodic, 18 Jahre jünger als Kollegen Mondragon, antwortet nach dem Spiel auf ähnliche Fragen bescheiden wie ein Chorknabe: »Mondy ist die Nummer 1.« Das zeugt entweder von einer sehr guten Erziehung (die im Stammplatzgebalze der Fußball-Profis recht selten zu finden ist) oder, wie es der »kicker« vermutete, von einem Maulkorb seitens des Vereins. Wenn dem so wäre, wäre es doch arg traurig. Was hätten wir denn davon, wenn selbst der 1. FC Köln bald mit schweizerischer Gelassenheit durch die Liga gondeln würde? Richtig, gar nichts.
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