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Home > Archiv > 1.1 WM 2010 - Südafrika > Schliecks-WM-Kolumne > Kolumne VII

Thomas Schlieck schaute sich für torwart.de die WM aus einem besonderen Blickwinkel an...

T. Schlieck (firo)

Thomas Schlieck gibt Antworten an die torwart.de-User

Frage aus dem Forum von User "Steffen: Thomas, wenn man die WM beobachtet, gerade so als Torwarttrainer, dann fällt einem auf, wie viele Torleute zum Teil in derTechnik Nicklichkeiten haben: Fallen auf den Ellenbogen und können damit Bälle nicht sicher festhalten, fallen schrägt rückwärts, anstelle in den Ball hinein zu tauchen, springen im Eins gegen Eins mit den Füssen voran zum Ball, anstelle den aktiven und direkten Ballangriff mit den Händen zu suchen.. Thomas, worauf führst Du dies zurück, schließlich reden wir nicht über einen 3. Liga Torwart, sondern die Auswahl der Besten der Besten?

Antwort von Schlieck: Besonders in der Vorrunde haben wir tatsächlich einige Torhüter gesehen, die größere technische Schwächen hatten. Das Interessante bei einer WM aus Torwartsicht ist, dass man sich einen guten Überblick über die weltweite Torwartszene machen kann. Es ist bekannt, dass die Ansprüche, die in Deutschland an die Torhüter gestellt werden, sehr hoch sind. Ähnlich hohe Ansprüche werden noch in Holland, Italien und Spanien an die Profitorhüter gestellt. Im Vergleich zu anderen Ländern wird dabei auf die saubere Ausbildung der Torwarttechniken sehr viel Wert gelegt. Die Gründe dafür sind u.a., dass im Torwarttrainingsbereich in anderen Ländern weniger intensiv gearbeitet. Zudem werden die Ausbildung und die Wertschätzung der Torwarttrainerrolle in einigen Ländern anders akzentuiert als in Deutschland. Dadurch lassen sich als indirekte Folge durchaus teilweise die großen Leistungsunterschiede zwischen den einzelnen WM-Torhütern erklären. Überraschend waren diese Unterschiede jedoch nicht.

Frage aus dem Forum von User "Steffen: Thomas, noch eine Frage: Es wird soviel über Strafraumbeherrschung gesprochen und geredet. Viele meinen daher, der Torwart müsse nun zu jeder Flanke und jeder hohen Hereingabe hingehen. Viele interpretieren genau so Strafraumbeherrschung, und damit das so genannte Moderne Torwartspiel. Vielleicht definierst Du für uns erst einmal deine persönliche Meinung und deine persönliche Definition/Erwartung für das "moderne Torwartspiel", bevor wir zum Knackpunkt kommen:

Antwort von Schlieck: Modernes Torwartspiel bei eigenem Ballbesitz bedeutet für mich, dass der Torwart den Ball zielgerichtet wieder ins Spiel bringt bzw. im Spiel halten kann. Dabei muss der Torwart sicherstellen, dass der Ball im Besitz der eigenen Mannschaft bleibt, und dass sogar eine Torchance für die eigene Mannschaft erarbeitet werden kann. Dabei kann der Torhüter das Spiel auch mit langen Abwürfen und Anschlägen, solange die Qualität so hoch ist, dass der Ball auch da ankommt, wo er ankommen soll.

Modernes Torwartspiel bei Ballbesitz des Gegners bedeutet, dass der Torwart so früh wie möglich in Ballbesitz kommt. Wenn notwendig, bedeutet das auch, dass der Torwart schon außerhalb des Strafraums bei Pässen in die Tiefe vor dem eigenen Strafraum in Ballbesitz kommen kann. Werden die Bälle in den 16er Meter gespielt, bedeutet das für mich auch Strafraumbeherrschung, wenn der Torhüter einen flach gespielten Ball in den Strafraum abläuft oder abfängt. Das Abwehren hoch herein gespielter Bälle oder von Flanken ist für mich ein Teilbereich der Strafraumbeherrschung.

Frage aus dem Forum von User "Steffen: Viele Torleute stehen auch bei Flanken, die klar durch den kritischen Bereich Torlinie und 11 Meter vor dem Tor hindurch gehen, häufiger auf der Linie, anstelle sich im Luftraum zu beweisen. Auch viele wirkt dies unsicher und eben nicht gerade als "Strafraumbeherrschend"... Warum ist dies so, gerade wenn man dann an Jens Lehmann oder Edwin van der Sar denkt, die hier Maßstäbe gesetzt haben?

Antwort von Schlieck: Lehmann und der Holländer van der Sar haben in den vergangenen Jahren im Bereich der hohen Bälle und Flanken international die allerhöchsten Maßstäbe gesetzt. Für viele Torhüter in der Bundesliga oder auch bei der WM wird es schwer werden, die von Lehmann und van der Sar gesetzten Qualitätsstandards zu erreichen.

Leider ist es so, dass der Torwart eher kritisiert wird, wenn er die Linie verlässt und dabei unter der Flanke durchläuft oder nur mit den Fingerspitzen drankommt. Zudem herrscht noch immer die Meinung vor, dass jeder hohe Ball im 5-Meterraum vom Torwart „gepflückt“ werden muss.

Aufgrund der oftmals unberechenbaren Flugeigenschaften der modernen Bälle und aufgrund der Flanken, die mit hoher Geschwindigkeit getreten werden, ziehen es viele Torhüter eher vor. Man kann hier auch von einem gewissen Selbstschutz des Torhüters sprechen, der gegebenenfalls auch die Position auf der Linie dem Herauslaufen vorzieht. Als Torwarttrainer muss man einfach auch erkennen, dass jeder Torhüter individuell unterschiedliche Voraussetzungen und Eigenschaften hat. Torleute mit hohen Qualitäten im Flankenbereich haben oftmals „schnelle Beine“ und ein gutes Timing. Für andere Torhüter, die reaktionsschnell sind, kann es manchmal besser sein, die Position auf der Linie vorzuziehen.

Frage aus dem Forum von User "Steffen: Thomas, noch eine Meinung von Dir: Manuel Neuer glänzte im Spiel durch Spektakuläre Eröffnungen. Darunter auch eine Szene, wo er den Ball im Liegen seinem Mitspieler zurollt, um das Spiel schnell zu machen - ist das wirklich unbedingt nötig und was denkst Du über diese Aktionen?

Antwort von Schlieck: Es fällt natürlich auf, dass Manuel Neuer bei der Spieleröffnung besonders bei Abwürfen sehr hohe Qualitäten hat. Eine Spieleröffnung in liegender Position ist im Spiel natürlich eher selten zu beobachten. Sie kann aber durchaus sinnvoll sein, wenn das eigene Team durch die rasche Spieleröffnung einen entscheidenden Zeitvorteil herausarbeiten kann. Oberstes Gebot muss dabei allerdings sein, dass der Ball sicher beim Mitspieler ankommt, und dass dieser auch zielgerichtet einen Angriff mit einleiten kann.


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