| Home > Magazin > Magazin-kompakt 11/12 > 2.Bundesliga > Torwartecke (08.09.2011)
von Martin Thaler
 P. Tschauner (foto firo)
Der „schöne Philipp“.
Fußballspieler sind Arbeitsmigranten. Nicht selten wechselt der ein oder andere Profispieler Jahr für Jahr seinen Arbeitgeber und damit auch seinen Wohnort. Was im Boulevard und bei den Fans gerne als Söldnermentalität pauschalisiert und wahrgenommen wird, ist oftmals einfach der notorischen Knappheit der Ressource Stammplatz geschuldet. Ein Mangel, der insbesondere auf der Position des Torhüters wiederzufinden ist. Schließlich braucht ein Team lediglich einen guten Mann auf dem Platz, der den Kasten sauber hält. Alles andere wäre schon mit dem Vorwurf der Regelwidrigkeit konfrontiert. Wer sich dann aber nicht mit der Position des zweiten Geigers zufrieden geben will, kommt um einen Wechsel kaum herum. Und so sind wahre „Lokalpatrioten“, also Spieler, die ihre Ausbildung im selben Verein genossen haben bei dem sie spielen, immer noch die von den Fans beliebte Ausnahme.
Diesen Umstand berücksichtigend ist es umso bemerkenswerter, was Philipp Tschauner in drei Monaten Hamburg gelungen ist. Der 25jährige Franke und Stamm-Torhüter des FC St. Pauli hat es nämlich geschafft, in Windeseile die Herzen des Hamburger Anhangs für sich zu gewinnen. Ein Blick in die Fanforen des Vereins verdeutlicht, wie „Tschauni“, wie der Neuzugang von den Münchener Löwen verniedlichend gerufen wird, bei den Fans im Kurs steht. „Tschauni“ trage den Totenkopf im Herzen, heißt es dort beispielsweise. Eine Äußerung, die als wohl größter Ritterschlag der Paulianer empfunden werden kann und die sich Tschauner durch seine Leistung verdient hat. Auf wie auch neben dem Platz, was in Hamburg manchmal sogar wichtiger ist. So hatte sich „Tschauni“ nun unmittelbar vor dem Gastspiel seiner neuen Mannschaft in seiner alten Heimat München sowohl in Münchener wie auch Hamburger Medien klar zu seinem neuen Arbeitgeber bekannt. So erklärte er unter anderem, dass ihm in Hamburg an gar nichts fehle (was von vielen möglicherweise auch als kleiner Seitenhieb an den Süden verstanden wurde) und er sich ein langfristiges Engagement an der Waterkant sehr gut vorstellen könne. Auch Verantwortung wolle er aus diesem Grunde gerne übernehmen. Ein Bekenntnis, welches nicht nur euphorisch begrüßt wurde, sondern – und das ist wohl entscheidend – von den Fans auch geglaubt wurde und nicht als pures 08/15-Lippenbekenntnis abgetan wurde. Schließlich lebe der „Tschauni“ ja St. Pauli auf dem Rasen, imponiert Fans und Vorstand durch seine Emotionalität und seinem Engagement für die Mannschaft.
Selbstbewusstsein pur also bei Tschauner, der doch, nach seiner Degradierung durch die Löwen-Trainer Ewald Lienen und Miro Stevic, jahrelang nur Nummer 2 bei den Löwen war und kaum nennenswerte Spielpraxis vorzuweisen hatte. Eine Vergangenheit, die Tschauner allerdings in keinster Weise anzumerken ist. Bemerkenswert ist vor allem die Sphäre der Sicherheit, die Tschauner während der Spiele umgibt, die seinen Vorderleuten stets den Rücken frei hält. Und so verwunderte es nicht, dass kaum einer der Fans nach seinem Patzer gegen Braunschweig Konsequenzen forderte und nach Benedikt Pliquett rief. Dem war zuvor ähnliches passiert, allerdings mit vollkommen anderem Ausgang.
So ist Tschauner auf dem besten Wege ein echter „Hamburger Franke“ zu werden, oder – nach alter Kieztradition – vielleicht auch der „schöne Philipp“. Eigentlich müsste er jetzt nur noch eine starke Leistung gegen seine alten Teamkameraden bringen und danach vielleicht noch Klaus Thomforde zitieren. Dann wäre Tschauners Hamburg-Integration wohl abgeschlossen.
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