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Wie lief die Gruppenphase der WM 2026 für die Torhüter : Helden von unten, Fragezeichen ganz oben

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko ist das größte Turnier der Geschichte – 48 Nationen, 104 Spiele, eine Bühne für Geschichten, die man kaum für möglich gehalten hätte. Und wie so oft bei großen Turnieren schreiben die Torhüter bewegende Geschichten, wenngleich sie zumeist nicht wirklich im Fokus stehen.. Während die klangvollen Namen der Zunft bisher zumeist unter den Erwartungen blieben, sorgten Keeper aus kleinen Nationen für Rekorde, Rekordparaden und Tränen

Ein vollständiger Überblick über alle Keeper, die in der Gruppenphase aufgefallen sind – positiv wie negativ.

Teil 1: Die Überraschungen: Torwart-Helden aus dem Nichts

Eloy Room (Curaçao) – Der Rekordhalter aus der Karibik

Der 37-jährige Keeper des kleinsten WM-Teilnehmers der Geschichte schrieb beim 0:0 gegen Ecuador Fußballgeschichte: 15 Paraden in einem einzigen Spiel – so viele hatte noch kein Torhüter in der regulären Spielzeit einer WM-Partie gehalten. Curaçao feierte seinen ersten WM-Punkt überhaupt, Room tanzte anschließend mit dem niederländischen Königspaar in der Kabine und soll sich dabei gegenüber Königin Maxima wohl etwas zu ausgelassen gezeigt haben. 

Der erste Punkt der WM- Geschichte Curacaos bedeutete gleichzeitig den vorzeitigen Gruppensiegs der deutschen Nationalmannschaft. Rooms Geschichte ist dabei ebenso besonders wie seine Leistung: Der in Nijmegen geborene Schlussmann verbrachte als Kind und Jugendlicher seine Ferien bei Verwandten auf Curaçao, dem winzigen autonomen Gebiet innerhalb des Königreichs der Niederlande. Sein Vater stammt von dort. 

Als 2015 plötzlich Patrick Kluivert anrief – damals Nationaltrainer der „Blue Wave" –, begann ein unglaubliches Abenteuer. Unvergesslicher Moment auf dem Weg dorthin: Als Lionel Messi nach einem Länderspiel auf ihn zukam, um sich zu unterhalten. Auf dem Platz ist Room alles andere als zurückhaltend. Gegen Ecuador warf er sich unzählige Male in Schüsse, die eigentlich nicht mehr zu halten schienen. Ecuador verzweifelte, Curaçao jubelte, und Room stand im Mittelpunkt – mit 37 Jahren.

Vozinha (Kap Verde) – Der Social-Media-Star

Einer der spektakulärsten Auftritte der gesamten Vorrunde gelang ausgerechnet dem Torhüter eines Inselstaates mit rund 600.000 Einwohnern. Beim 0:0 gegen den amtierenden Weltmeister Spanien avancierte Vozinha (Josimar Dias) mit sieben Paraden zum Matchwinner. Er fing zahlreiche Ecken ab, rückte immer wieder mutig aus seinem Kasten heraus, nahm in entscheidenden Momenten Zeit von der Uhr – und verwandelte die Partie in einen Albtraum für die Spanier, die bei 943 Ballbesitzphasen und einem xGoals-Wert von 2,21 am Schlussmann scheiterten. Es war im auch für einen Torwart hohen Alter das absolute Highlight des Globetrotters

Der eigentliche Sturm begann aber nach dem Schlusspfiff. Nach einem viralen Aufruf des brasilianischen Senders Caze TV schossen seine Instagram-Follower kometenhaft in die Höhe. Innerhalb weniger Tage folgten ihm über 15,8 Millionen Menschen – damit hat der kapverdische Nationalkeeper mehr Follower als etwa DFB-Torwart Manuel Neuer. Eine Zahl, die alles über diese WM sagt. Gleichzeitig war die Geschichte eines bisherigen Nobodys im internationalen Fußball wie geschaffen für einen derartigen Hype.

Im zweiten Spiel gegen Uruguay konnte Vozinha zwar nicht ganz an diese Leistung anknüpfen, kassierte beim 2:2 zwei Gegentore. Doch sein Name ist längst in den Köpfen der Welt verankert. Kap Verde zog als Gruppenzweiter in die K.o.-Runde ein. Das ist eine noch größere Leistung und steigert

Mohammed al-Owais (Saudi-Arabien) – Der Rekordbrecher aus der zweiten Liga

Seine Geschichte passt zu diesem Turnier wie keine andere: Mohammed al-Owais spielt in der Heimat in der zweiten saudi-arabischen Liga. Bei WM 2022 avancierte er beim legendären 2:1-Sieg gegen Argentinien zum Spieler des Spiels. Vier Jahre später übertrumpfte er sich selbst. Beim 1:1 gegen Uruguay stellte al-Owais mit elf Paraden einen neuen WM-Turnierrekord auf. Uruguay schoss 27 Mal auf sein Tor – nur einmal traf der Ball ins Netz. Der Keeper flog spektakulär, blieb eiskalt in den Eins-gegen-Eins-Situationen, hielt Schüsse aus Nahdistanz, die kaum zu halten waren. Das Turnier hatte seine erste große Torwart-Geschichte.

Im zweiten Gruppenspiel gegen Spanien musste al-Owais beim 0:4 dann viermal hinter sich greifen. Die Magie hatte Grenzen. Doch der Eindruck vom ersten Spieltag bleibt: Dass jemand, der in einer zweiten Liga spielt, an zwei WM-Turnieren in Serie jeweils ganz große Momente haben kann, sagt mehr über ihn aus als jede Statistik. Gleichzeitig wurde man mit 2 Punkten aufgrund des schlechten Torverhältnisses Gruppenletzter.

Alireza Beiranvand (Iran) – Der Kämpfer mit der größten Geschichte

Seine Lebensgeschichte ist die bewegendste des gesamten Turniers. Alireza Beiranvand wuchs in ärmsten Verhältnissen auf, arbeitete als Kind als Hirte und schlief als Jugendlicher zeitweise auf der Straße in Teheran – ohne Geld, ohne Perspektive, aber mit dem Traum, Torwart zu werden. Er kämpfte sich durch, Stufe für Stufe, bis er schließlich für Persepolis – Irans größten Klub – für eine Rekordsumme für einen iranischen Torhüter wechselte. 2018 hielt er bei der WM einen Elfmeter von Cristiano Ronaldo. Heute bestritt er seine dritte WM, wenngleich es ganz knapp nicht für die Qualifikation zur K.-o.-Phase gereicht hat. Dabei hatte die iranische Nationalmannschaft denkbar schlechte Bedingungen, konnte vor allem in den Spielen gegen Belgien und gegen Neuseeland jeweils wenige Stunden vor der Partie erst in die USA einreisen.

Und was für eine WM es ist. Gegen Belgien lieferte Beiranvand sieben teils überragende Paraden – sein Höhepunkt kam in der 59. Minute: Bereits am Boden liegend, fuhr er geistesgegenwärtig die linke Hand aus und verhinderte den scheinbar sicheren Einschuss von Maxim De Cuyper aus kürzester Distanz. De Bruyne hatte mit einem Geniestreich aufgelegt, De Cuyper aus vier Metern abgezogen – und Beiranvand, obwohl schon geschlagen, reckte den Arm in die Luft. Die Szene ist ein ganz heißer Kandidat für die Parade des Turniers. Die FIFA zeichnete ihn als Spieler des Spiels aus. Trainer Ghalenoei sagte danach: „Beiranvand ist einer der besten iranischen Torhüter der Geschichte. Wir verdanken ihm diesen Punkt.“ Er war auch in diesem Turnier mit seinen 33 Jahren eine der absoluten Säulen des Team Melli.

All das unter widrigsten Umständen: Mehrere Delegationsmitglieder des Iran erhielten kein US-Visum, das Team reiste erst 16 Stunden vor dem Anpfiff nach Los Angeles. Der Iran blieb trotzdem zwei Spiele lang ungeschlagen und kämpfte im entscheidenden dritten Gruppenspiel gegen Ägypten um den Einzug in die K.-o.-Runde. Ein Mann mit zwei Guinness-Weltrekorden – für den weitesten Abwurf (61 Meter) und den weitesten Abschlag (78 Meter) – der nie vergessen hat, woher er kommt.

Lionel Mpasi (DR Kongo) – Die fliegende Wand

Der 31-jährige Mpasi spielt beim französischen Erstligisten Le Havre – als Ersatztorhüter. Bei der WM wurde er zur unangefochtenen Nummer 1 seines Teams und zeigte beim 0:1 gegen Kolumbien eine der beeindruckendsten Einzelleistungen des Turniers: In den ersten 20 Minuten parierte er fünf Schüsse – eine Quote, die seit 1998 nicht mehr erreicht worden war. Am Ende standen acht Paraden zu Buche.

Mpasi flog von links nach rechts, brachte Fuß, Faust und Körper in die Bahn von Schüssen, die längst im Netz zu sein schienen. Er wurde zum Spieler des Spiels – obwohl sein Team verlor. Hätte es ihn nicht gegeben, wäre aus dem 0:1 leicht ein 0:4 geworden. Das ist die besondere Leistung eines Torhüters: Er verlor – und hinterließ trotzdem den nachhaltigsten Eindruck. Der größte Erfolg aber ist, dass sich die DR Kongo mit einem Unentschieden und dem knappen Sieg gegen Usbekistan mit 4 Punkten als einer der 8 besten Gruppendritten für die K.-o.-Runde qualifiziert hat. Dort trifft man nun auf England.

Patrick Beach (Australien) – Der junge Held

Beim Auftaktsieg der Australier gegen die hoch gehandelten Türken hielt Patrick Beach bei 28 Torschüssen seinen Kasten sauber. 28 Schüsse – kein Gegentor. Es war eine dieser Leistungen, über die wenig geschrieben wird, weil das gesamte Team über sich hinauswuchs. Aber genau das ist manchmal die höchste Kunst: Immer zur Stelle zu sein, ohne dass man darüber reden muss. Beach sorgte maßgeblich dafür, dass Australien als Überraschungsteam aus der Gruppe hervorging. Kein Auftritt für das Highlight-Reel – aber einer, den Trainer und Mitspieler nicht vergessen werden.

Bemerkenswert ist, dass Beach vor dem Turnier erst zwei A-Länderspiele auf dem Konto hatte und überraschend die australische Torwart-Ikone Mathew Ryan auf die Bank verdrängen konnte. Der 22-Jährige war letztlich auch einer der Garanten, dass die Socceroos als Gruppenzweiter direkt den Sprung ins Sechzehntelfinale schafften. Gleichzeitig ist Beach der jüngste Stammtorhüter bei diesem Turnier.

Teil 2: Das mexikanische Doppel: Legende trifft Zukunft

Raúl Rangel (Mexiko) – Der stille Gruppensieger

Der 26-jährige Rangel kam als Unbekannter in dieses Turnier. Als Stammtorhüter von Deportivo Guadalajara hat er erst 13 Länderspiele auf dem Buckel. Keine Champions League, kein großer europäischer Verein – nur die mexikanische Liga und der feste Glaube seines Trainers Javier Aguirre. Den „Bäcker aus Zapotlán" nennen ihn manche, weil er in seiner Jugend in einer Bäckerei arbeitete, bevor der Fußball seine Welt auf den Kopf stellte.

Bei dieser WM ist Rangel einer der Gründe, warum Mexiko als einziges Team alle drei Gruppenspiele gewann und kein einziges Gegentor kassierte – ein Rekord, der so zuletzt bei der WM 1970 im eigenen Land aufgestellt worden war. Seine größte Szene: In der 87. Minute gegen Südkorea, beim Stand von 1:0, parierte er zunächst einen freien Kopfball von Gue-sung Cho – und hielt dann auch den Nachschuss spektakulär auf der Linie. Das Estadio Akron in Guadalajara explodierte vor Jubel. Mexiko gewann.

Rangel liefert das, was eine Gastgebernation in der Gruppenphase braucht: Konzentration ohne Aufhebens, Stabilität ohne Drama. Er ist vielleicht der unauffälligste Held dieser WM – aber er war bisher sehr wichtig für "El Tri".

Guillermo Ochoa (Mexiko) – Das tränenreiche Finale einer Legende

Zwölf Minuten. Mehr Zeit blieb „Memo" Ochoa bei seinem wohl letzten großen WM-Auftritt nicht. Doch die mehr als 80.000 Fans im Aztekenstadion kümmerte das nicht – als der 40-Jährige in der 78. Minute beim abschließenden Gruppenspiel gegen Tschechien eingewechselt wurde, brandete ein Jubel auf, als hätte Mexiko soeben das WM-Finale gewonnen. Der Torhüter selbst war schon bei seiner Einwechslung hochemotional.

Ochoa küsste die Torpfosten, kämpfte mit den Tränen. Nach dem Schlusspfiff sprach er in die Kameras: „Mein erstes Spiel war im Aztekenstadion, mein letztes Spiel war im Aztekenstadion. Es war ein wunderschönes letztes Kapitel meiner Karriere. Vielen Dank an alle." Er leitete in seiner kurzen Einsatzzeit sogar noch das 3:0 mit einem langen Abschlag ein.

154 Länderspiele und sechs WM-Teilnahmen – gleichauf mit Messi und Ronaldo, als einziger Torhüter in dieser Gesellschaft. 2006 und 2010 war er jeweils ohne Einsatz im Kader, aber bereits zu dieser Zeit ein wichtiger Teil der Mannschaft. Jetzt, mit 40 Jahren, zum letzten Mal. Dazwischen lagen Weltklasse-Paraden, Kultstatus und ein legendärer Auftritt 2018 gegen Deutschland. Eine Karriere, die so endete, wie sie es verdient hatte: im Jubel seiner Heimat, mit Tränen und einem Kuss auf den Pfosten.

Teil 3: Die Etablierten: Zwischen Klasse und Krise

Manuel Neuer (Deutschland) – Ein Comeback unter Beobachtung

Seine Rückkehr war die große Kontroverse vor dem Turnier: Mit 40 Jahren trat Neuer nach dem EM-Abschied 2024 noch einmal an – unter Kontroversen. Bundestrainer Nagelsmann hatte eigentlich auf Oliver Baumann gesetzt, doch nach Weltklasse-Leistungen Neuers in der Champions League, allen voran beim Viertelfinal-Hinspiel gegen Real Madrid, drehte der DFB kurzfristig den Spieß um. Baumann wurde zur Nummer zwei degradiert – und akzeptierte. Zur Wahrheit gehörte aber auch, dass die Leistungen des Weltmeisters im Vorfeld der WM bisweilen schwankend waren.

Was folgte, war kein guter Turnierauftakt für die Legende. In allen drei Gruppenspielen war der erste Schuss auf sein Tor ein Treffer. Beim 1:2 gegen Ecuador sah er beim zweiten Gegentor unglücklich aus – ein aufgesetzter Flachschuss landete im Netz, Neuer reagierte ungewöhnlich spät. Die internationale Presse war harsch: Die Daily Mail sprach von einem „Patzer", die Gazzetta dello Sport schrieb von „Unsicherheit". Neuer selbst wies jede Mitschuld von sich.

ARD-Experte Bastian Schweinsteiger nahm ihn in Schutz: „Manchmal denke ich mir, wo sind die großen Paraden – weil es noch nicht so viele Schüsse aufs Tor gab. Insgesamt wird er für unser Spiel noch sehr wichtig sein." Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger ergänzte: „Es ist keine Leistung, bei der wir eine Grundsatzfrage stellen müssen." Die Debatte läuft trotzdem. Seit dem WM-Triumph 2014 hat Neuer in allen neun WM-Spielen mindestens ein Gegentor kassiert. Im Sechzehntelfinale soll endlich der erste Gegentorlos-Auftritt folgen. Gleichzeitig wird der Torhüter nun auch beweisen müssen, dass die viel zitierte Aura des fünffachen Welttorhüters immer noch existent ist.

Thibaut Courtois (Belgien) – Zumeist unauffällig wie das Team

Die letzte große WM der „Goldenen Generation" Belgiens verläuft bisher maximal solide und Courtois spiegelte das wider. Gegen Ägypten (1:1) und den Iran (0:0) gab es jeweils ein Unentschieden – der wichtige Sieg reichte zum ersten Tabellenplatz der Gruppe G. Dabei konnte Courtois nur wenige Glanzmomente erkennen lassen. Nicht, weil er schlecht war, sondern weil Belgien defensiv kaum gefordert wurde, offensiv aber auch nie den Schalter umlegte.

Der Real-Madrid-Keeper strahlte bisher auch wenig Besonderes aus, wobei er gegen den Iran wiederum der Hauptgrund dafür war, dass die Roten Teufel überhaupt noch einen Punkt mitnehmen konnten. Der Rolle des ewigen Geheimfavoriten konnte Belgien bisher nicht gerecht werden und das trotz eines Kaders, der mit großen Namen gespickt ist.

Mike Maignan (Frankreich) – Der ruhende Fels eines Titelfavoriten

Der AC-Mailand-Keeper ist der vielleicht unterschätzteste Torwart dieses Turniers – weil Frankreich so dominant spielt, dass Maignan kaum gefordert wird. Gleichzeitig ist Maignan seit Jahren auf Top-Niveau unterwegs, ohne aber die ganz großen Momente zu haben. Gegen den Senegal beim 3:1-Auftaktsieg war Frankreich noch nicht ganz auf der Höhe, denn der Senegal zeigte, dass die „Équipe Tricolore" in der Defensive durchaus verwundbar ist. Auch sah Maignan in den gesamten 90 Minuten nicht vollends überzeugend aus. Frankreich überstand eine gefährliche erste Hälfte ohne Gegentor – und drehte nach der Pause auf.

Gegen den Irak beim 3:0-Sieg blieb Maignan praktisch beschäftigungslos, so klar dominierte Frankreich das Spiel. Den größten Moment dieser WM erlebte er im dritten Gruppenspiel gegen Norwegen: Nach einem klaren Foul von Théo Hernández im Strafraum trat Jørgen Strand Larsen zum Elfmeter an – und Maignan parierte. Sicher, ruhig, ohne Spielchen. Einfach zur richtigen Ecke getaucht und den Ball gehalten. Norwegen, das in dieser Minute auf 1:2 verkürzt hätte, blieb auf Abstand. Frankreich gewann 4:1 und erstmalig konnte der Torhüter selbst auch über den gehaltenen Elfmeter hinaus der Partie seinen Stempel aufdrücken.

Frankreich beendete die Gruppenphase als einziges europäisches Team mit drei Siegen – zum ersten Mal seit dem WM-Triumph 1998. Maignan steht dabei wie ein Fundament im Hintergrund: selten gefragt, immer bereit. Mit 30 Jahren ist er auf dem Höhepunkt seiner Karriere und einer der heißesten Anwärter auf den Goldenen Handschuh – wenn Frankreich weit kommt. Das Sechzehntelfinale gegen Schweden soll der erste echte Test werden.

Fernando Muslera (Uruguay) – Das bitterste Karriereende

Für den 40-jährigen Uruguayer endete die WM 2026 auf die denkbar tragischste Weise – und hinterlässt einen Negativrekord, der in der Geschichte der Weltmeisterschaften einmalig ist: In allen drei Gruppenspielen war Muslera direkt an einem Gegentor beteiligt.

Beim 1:1 gegen Saudi-Arabien und dem 2:2 gegen Kap Verde sah er jeweils bei Gegentoren nicht gut aus. Den Schlusspunkt setzte er im entscheidenden Spiel gegen Spanien. Alex Baena zog aus der Drehung ab, eigentlich kein Schuss, der einem Nationaltorhüter auf diesem Niveau Probleme bereiten sollte. Doch Muslera griff daneben. Spanien ging in Führung, Uruguay kam nicht mehr zurück. Mit nur zwei Punkten aus drei Spielen war der zweifache Weltmeister vorzeitig ausgeschieden.

Zur Halbzeit wechselte Nationaltrainer Marcelo Bielsa Muslera aus. Auf die Frage der Journalisten, was er dem Torhüter gesagt habe, antwortete Bielsa lakonisch: „Nichts." Gleichzeitig sagte der Nationaltrainer, dass der Keeper selbst um seine Auswechslung zur Halbzeit gebeten habe. Muslera entschuldigte sich noch vor den Kameras bei seinen Mitspielern und den uruguayischen Fans. Es war sein letzter WM-Auftritt nach über 130 Länderspielen – und einer, den er so nicht in Erinnerung behalten wollte. Die Tragik liegt auch darin, dass Muslera über Jahre einer der verlässlichsten Keeper seines Kontinents gewesen war und bei Galatasaray eine absolute Legende ist. Seine Karriere beendet der Routinier nach der WM – dies war bereits bekannt.

Jordan Pickford (England) – Stabilität als stille Stärke

Pickford ist Englands unangefochtene Nummer 1 und bleibt in der Gruppenphase das, was ein Torhüter für einen Titelfavoriten sein muss: verlässlich, ohne aufzufallen. Beim aufsehenerregenden 4:2-Auftaktsieg gegen Kroatien musste er beim 1:1-Ausgleichstreffer von Martin Baturina – ein harter Schuss von der Strafraumkante – hinter sich greifen und sah hierbei zumindest diskussionswürdig aus. Danach aber hielt er zweimal stark in der Schlussphase, als Kroatien drängte.

Gegen Ghana beim zähen 0:0 hatte er kaum etwas zu tun – und musste sich einmal glücklich schätzen, als er außerhalb seines Strafraums in einen ghanaischen Stürmer hineinlief und nur durch eine günstige Schiedsrichterentscheidung nicht bestraft wurde. Gegen Panama beim abschließenden 2:0-Sieg parierte er stark einen Schuss von José Rodríguez und klärte eine gefährliche Flanke mit den Fäusten.

Die Bilanz: England kassierte in der Gruppe nur zwei Gegentore, beide gegen Kroatien, und kommt als Gruppensieger in die K.o.-Runde. Pickford liefert solide, unsichtbare Arbeit – und manchmal ist das das Beste, was ein Torwart für seine Mannschaft tun kann.

Alisson (Brasilien) – Klasse mit Fragezeichen im Rücken

Der Liverpool-Schlussmann gilt seit Jahren als einer der komplettesten Torhüter der Welt – und seine Leistungen in der Gruppenphase bestätigen das. Beim 1:1-Auftakt gegen Marokko, als Brasilien lange unter Druck stand, parierte Alisson in der Schlussphase zweimal stark, um einen Rückstand zu verhindern. Beim deutlichen 3:0-Sieg gegen Schottland im abschließenden Gruppenspiel hatte er kaum etwas zu tun, klärte einen Kopfball von McTominay aber sicher.

Das strukturelle Problem bleibt: Brasilien ist offensiv hochkarätig besetzt, defensiv aber anfälliger als erwartet. In der Qualifikation kassierte die Seleção 17 Gegentore in 18 Spielen – schlechtester Wert der Top-6-Nationen. Gegen Marokko stand Brasilien kurz vor einer Blamage. Ob Alisson allein diese strukturellen Löcher stopfen kann, wird die K.o.-Runde zeigen. Er ist gut genug dafür – aber er wird Hilfe brauchen.

Teil 4: Die Next-Gen-Keeper – Der Sturm an die Weltspitze

Bart Verbruggen (Niederlande) – Die ruhige Zukunft des Oranje-Tors

Er ist 23 Jahre alt, kommt aus Zwolle, spielt bei Brighton & Hove Albion in der Premier League – und hat bei dieser WM still und effektiv bewiesen, warum die Niederlande ihm ohne Wenn und Aber vertrauen. Bart Verbruggen ist einer jener Keeper, über die man wenig schreibt, weil sie selten gefordert werden. Und wenn sie gefordert werden, lösen sie die Aufgabe sicher und ohne Aufhebens.

Gegen Japan beim 2:2 im Auftaktspiel hatte Verbruggen gleich in der Anfangsmannschaft alle Hände voll zu tun. Japan glich zweimal aus, sorgte für Unruhe – doch Verbruggen blieb ruhig, hielt mehrfach stark und ließ keine vermeidbaren Gegentore zu. Das Unentschieden war kein Versagen des Keepers. Gegen Schweden beim 5:1-Sieg wurde er zwar von Elanga überwinden, aber auch das war keine Schwäche des Keepers – es war ein vollkommen offenes Spiel, nachdem die Partie bereits entschieden war. Stärker war er in den Szenen davor: Gyökeres kam zweimal aus guter Position zum Abschluss – Verbruggen lenkte einmal über die Latte, wehrte einmal sicher zur Seite ab. Bei einem schwachen Freistoß aus dem Halbfeld griff er daneben, doch das aberkannte Kopfballtor von Lagerbielke (Abseits) rettete ihn in jener Szene. Gegen Tunesien im abschließenden 3:1-Sieg hielt er einen gefährlichen Kopfball von Ben Slimane sicher und ließ nach dem Anschlusstreffer zum 1:2 nichts mehr zu.

Das Gesamtbild: Die Niederlande kassierten in der Gruppenphase drei Gegentore in drei Spielen – bei insgesamt 13 erzielten Toren eine sehr gute Bilanz. Verbruggen stand in allen drei Spielen auf dem Platz und hinterließ dabei den Eindruck eines Keepers, der gereift ist: nicht spektakulär, aber stabil. Keine überflüssigen Aktionen, kein Herauslaufen aus dem Nichts, keine haltbaren Schüsse, die ins Netz gingen.

Was ihn besonders macht, ist seine Spielauffassung: Verbruggen gilt als moderner Keeper mit Fuß, der den Aufbau mitgestaltet und als erste Anspielstation funktioniert. Trainer Ronald Koeman vertraut ihm blind – und das schon länger, als die Außenwelt das erwartet hatte. Er verdrängte trotz seines jungen Alters alle Konkurrenten und wurde zur unumstrittenen Nummer 1.

Zion Suzuki (Japan) – Der Keeper mit drei Heimaten und einem klaren Ziel

Seine Geschichte ist so unwahrscheinlich wie seine Nationalität: Zion Suzuki wurde in Newark, New Jersey geboren – auf amerikanischem Boden. Sein Vater ist ghanaischer Herkunft, seine Mutter Japanerin. Noch vor seinem ersten Geburtstag zog die Familie nach Japan, und dort wuchs er auf, dort lernte er das Torwartspiel, dort träumt er vom Titel. Der US-Verband versuchte, ihn für die „Stars and Stripes" zu gewinnen – Suzuki entschied sich für die Samurai Blue. Eine Entscheidung, die sich für den japanischen Fußball immer mehr als Glücksfall erweist.

Mit 16 Jahren und fünf Monaten wurde er der jüngste Profi in der Geschichte der Urawa Red Diamonds. Er schlug damals einen Wechsel zu Manchester United aus, weil er das Gefühl hatte, noch nicht genug Spiele absolviert zu haben. Stattdessen wechselte er zu Sint-Truiden nach Belgien, dann zu Parma in die Serie A – als erster japanischer Torhüter, der in Italiens erster Liga spielte. Dort waren seine Agilität und Reaktionsfähigkeit entscheidend für Parmas souveränen Klassenerhalt.

Dann kam der erste Rückschlag: Im November 2025 brach er sich im Spiel gegen den AC Milan die linke Hand. Die WM-Teilnahme schien ernsthaft in Gefahr. „Das Schwierigste war die Rückkehr auf den Platz. Es hat Zeit gebraucht, bis ich mein Gefühl wiedergefunden hatte", sagte er danach. Doch er kämpfte sich zurück – und stand bei der WM als Japans unangefochtene Nummer eins im Tor.

Bei der WM 2026 liefert er. Schon in der dritten Minute des Auftaktspiels gegen die Niederlande beim 2:2 parierte er einen strammen Schuss von Donyell Malen aus dem Strafraum – eine Parade, die sofort den Ton setzte und das Team beruhigte. Japan glich zweimal aus, hielt gegen einen der Titelfavoriten einen Punkt fest. Suzuki war dabei keine Nebenfigur. Seit Turnierbeginn ist er durchgängig im Einsatz, was defensive Kontinuität bedeutet. Japan kassierte in der Gruppenphase drei Gegentore – bei sieben erzielten Treffern eine akzeptable Bilanz. Gegen Tunesien und Schweden war Suzuki kaum gefordert, weil Japan beide Spiele klar dominierte. Doch gegen die Niederlande zeigte er, dass er auch auf höchstem Niveau mithalten kann. Gleichzeitig deuteten die Blue Samurai an, dass man in allen Mannschaftsteilen über Spieler mit internationaler Klasse verfügt, nun auch erstmalig im Tor.

Was ihn auszeichnet, ist seine Haltung. „Natürlich sind große Paraden wichtig, aber vor allem will ich ein Torhüter sein, der dem Team Stabilität gibt. Die einfachen Dinge gut und konsequent erledigen. Mit dem Willen spielen, kein Tor zu kassieren – ich glaube, das ist es, was die Zuschauer letztendlich mitreißt", sagte er in einem FIFA-Interview vor dem Turnier. Japan trifft im Sechzehntelfinale auf Brasilien – die vielleicht schwerste denkbare Aufgabe. Brasilien hat sieben Tore erzielt und nur eines kassiert. Gegen Vinícius, Rodrygo und Matheus Cunha wird Suzuki erstmals auf WM-Niveau wirklich gefordert sein. Ob er diese Prüfung besteht, wird zeigen, ob Japan in diesem Turnier wirklich Geschichte schreiben kann.

Fazit: Die WM 2026 gehört den Torhütern der kleinen Nationen

Was bleibt nach der Gruppenphase? Zum einen setzen oder setzten Teams wie Kap Verde, Deutschland, Curaçao oder auch Uruguay auf sehr erfahrene Torhüter im hohen Alter, selbst für die exponierte Position zwischen den Pfosten. Nur wenige Mannschaften wie Japan, Australien oder auch die Niederlande wiederum haben eine junge, klare Nummer 1 im Turnier und konnten sich auch dank der Keeper in der Gruppenphase jeweils sicher durchsetzen.

Die großen Geschichten haben gleichzeitig bisher die Torhüter geliefert, die sonst im internationalen Fußball keine wirkliche Rolle spielen und meist nur eingefleischten Torwart-Beobachtern selbst vor der WM überhaupt etwas gesagt haben. Die Torhüter der großen Mannschaften stehen bisher außer Alisson und Neuer nahezu gar nicht im Fokus, wobei die deutsche Nummer 1 bisher auch eher unverschuldet zum Politikum avanciert.


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