63 Sekunden waren erst gespielt, als Manuel Neuer das erste Mal gefordert war: Nach einer hohen Hereingabe am zweiten Pfosten konnte er noch mit der rechten Hand klären. Im weiteren Verlauf der ersten Halbzeit blieben die gefährlichen Torchancen zumeist aus. Allerdings traf Enciso in der 43. Minute zur Führung der Südamerikaner. Galarza setzte sich am rechten Flügel durch und flankte anschließend scharf vor das Tor, wo der Torschütze aus 8 Metern in die linke Ecke einköpfen konnte. Neuer deckte zunächst den ersten Pfosten ab und kam anschließend nicht mehr schnell genug ins bedrohte Eck. Auch war die Flanke für den Torhüter nicht mehr erreichbar.
Im zweiten Abschnitt passierte wenig vor dem deutschen Tor. Der deutsche Schlussmann war lediglich nach einer knappen Stunde gefordert, als er einen zentralen Abschluss parieren konnte. Viel mehr passierte dann bis in das Elfmeterschießen nicht. Dort konnte Neuer den wichtigen Elfmeter von Balbuena parieren und somit seine Mannschaft vor dem K.o. nach jeweils 5 Schützen retten. Da anschließend aber Jonathan Tah verschoss und Alderete traf, schied Deutschland dramatisch aus.
Trotz eines Ballbesitzwertes von um die 80 % gelang es der deutschen Mannschaft in der ersten Halbzeit nicht, auch nur einen klaren Abschluss auf das Tor von Carlos Coronel (Paraguay) zu bekommen. Die Albirroja verteidigte jedes Mal stark.
In der 54. Minute erzielte Kai Havertz den Ausgleich. Eine Flanke wurde aus dem linken Halbfeld mit rechts vor das Tor gezogen, wo Havertz in der Mitte sich vom Gegenspieler lösen konnte und mit dem Rücken zum Tor den Ball per Kopf in die lange Ecke verlängerte. Der Torhüter stand etwas versetzt, deckte aus seiner Sicht die rechte Ecke ab und kam anschließend nicht mehr schnell genug mit Ausfallschritten in die andere Ecke des Tores – er konnte dem Ball daher nur noch hinterherschauen.
Im weiteren Verlauf der Partie hatte die deutsche Mannschaft noch den einen oder anderen Abschluss zu verzeichnen. Wobei die meisten davon nicht wirklich gefährlich waren; war der Torhüter doch einmal gefordert, konnte er jeweils mit starken Aktionen parieren. Ähnlich verhielt es sich auch in der Verlängerung, wobei er beim vermeintlichen Treffer in der 101. Minute durch Deniz Undav Glück hatte, als die Szene aufgrund eines Zweikampfs mit Waldemar Anton als Foul an ihm gewertet und der Treffer somit nicht anerkannt wurde. Ähnliche Szenen wurden in der jüngeren Vergangenheit meist gegen den Torhüter bewertet.
Im Elfmeterschießen wurde der paraguayische Schlussmann dann endgültig zum Helden, als er die Versuche von Havertz und Kevin Volland jeweils glänzend abwehren konnte, während der letzte deutsche Schütze den entscheidenden Elfmeter über das Tor setzte. Somit zog Paraguay in das Achtelfinale ein.
Es war der kurioseste, grausamste und dramatischste Abend des deutschen Turniers: Deutschland scheiterte im Sechzehntelfinale der WM 2026 an Paraguay mit 3:4 im Elfmeterschießen – nach 120 Minuten, in denen die Nagelsmann-Elf die bessere Mannschaft war und trotzdem verlor. Der Abend hatte alles: einen Neuer-Faustfehler, ein im Video-Review aberkanntes Kopfballtor, eine Handball-Szene ohne Pfiff, eine Parade der Kategorie „unmöglich" – und am Ende drei deutsche Fehlschüsse. Erstmals seit 64 Jahren ist Deutschland in der ersten K.-o.-Runde einer Weltmeisterschaft raus.
Formationen und Grundausrichtung
Nagelsmann stellte Deutschland im 4-2-3-1 auf: Manuel Neuer im Tor, Joshua Kimmich rechts, Jonathan Tah und Antonio Rüdiger in der Innenverteidigung, Nathaniel Brown links. Im Doppelpivot begannen Felix Nmecha und Aleksandar Pavlovic, dahinter agierte Kai Havertz als Zehner, Leroy Sané und Florian Wirtz auf den Flügeln, Deniz Undav als Stoßstürmer. Paraguay setzte auf ein tiefes 4-4-2 mit Orlando Gill im Tor, einer kompakten Viererkette und Miguel Almirón sowie Matías Galarza auf den Außenbahnen – weniger für Offensivzwecke als zur Raumverengung im Umschaltmoment. Julio Enciso und Gabriel Ávalos standen als Doppelspitze mit klarem Auftrag: festhalten, binden, warten.
Erste Halbzeit: Paraguay trifft durch Fehlentscheidung Neuers
Deutschland begann druckvoll, scheiterte aber früh am kompakten paraguayischen Block. Undav (6.) und Wirtz (8.) brachten zwei frühe Versuche nicht aufs Tor. Paraguay war in der zweiten Minute gefährlicher: Júnior Alonso köpfte nach einem Eckball direkt auf Neuer – der Torwart parierte aus kurzer Distanz (2., xGOT: 0,29). Bewertung: Reaktionsschnelle Parade, gute Positionierung.
Das 0:1 in der 42. Minute war ein kollektiver Fehler mit individuellem Ursprung. Neuer faustete einen harmlosen Eckball – er hätte ihn sicher fangen können – in die Mitte des Strafraums. Brown und Pavlovic hatten Galarza auf der linken Seite aus den Augen verloren; der Paraguayer Enciso schoss aus elf Metern per Kopf ins Tor. Bewertung: Unsicherheit Neuers – Fausten war die falsche Entscheidung, die Fangposition war gegeben. Dazu mangelnde Zuordnung in der Restverteidigung. Entstehung: vollständig vermeidbar. Kurz vor der Halbzeit scheiterte Kimmich zweimal aus der Distanz (45., 45.+3), das 1:0 zur Pause blieb bestehen.
Zweite Halbzeit: Ausgleich, Druck ohne Durchschlagskraft
Nagelsmann brachte zur Pause Leon Goretzka für den blassen Nmecha – ein klarer Schritt in Richtung mehr Präsenz im Mittelfeld. Deutschland startete aggressiver, hatte sofort zwei Versuche durch Goretzka und Pavlovic (56., beide knapp vorbei). Das 1:1 fiel in der 54. Minute – und war in seiner Entstehung alles, was Deutschlands bestes Kombinationsspiel ausmacht: Wirtz flankte mit perfektem Timing aus dem Halbfeld, Havertz stand goldrichtig und ließ den Ball über den Kopf ins lange Eck abtropfen. Bewertung: Erstklassig herausgespieltes Tor. Wirtz' Flanke war Millimeterarbeit, Havertz' Laufweg unlesbar für die paraguayische Abwehr.
Paraguay zog sich nach dem Ausgleich noch tiefer zurück. Gustavo Caballero köpfte nach einem Konter auf Neuer – einfach gehalten (59.). Sané scheiterte per Freistoß am Block (66.). Havertz nach einem Kopfball (78., xGOT: 0,10) und Wirtz per Freistoß (80.) blieben ohne Torerfolg. Musiala kam in der 63. Minute für den ineffektiven Undav. Deutschland drückte, Paraguay stand – und Gill blieb ruhig.
Verlängerung: Drei Hochkaräter, eine Fehlentscheidung, ein unmögliches Wunder
Die Verlängerung gehörte fast ausschließlich Deutschland – und war trotzdem der Abschnitt, der die DFB-Elf endgültig aus dem Turnier warf. In der 98. Minute blockte Gustavo Gómez einen Woltemade-Schuss klar mit der ausgestreckten Hand – kein Elfmeter. Bewertung: Eine fragwürdige Nicht-Entscheidung. Nach Regellage eindeutig strafwürdig, da der Arm unnatürlich ausgestreckt war.
In der 103. Minute erzielte Jonathan Tah per Kopfball nach einem Eckball das vermeintliche 2:1 – das Tor wurde nach VAR-Ansicht zurückgenommen. Schiedsrichter Jayed sah ein Foul von Waldemar Anton an Torwart Gill, der sich allerdings nur in den Körper des einlaufenden Deutschen gestellt hatte. Bewertung: Klare Fehlentscheidung. Anton nahm Gill keinen Raum, der Kontakt war minimal und vom Torwart provoziert. Das Tor hätte zählen müssen.
In der 105. Minute traf Havertz nach einem Eckball per Kopf aus zentraler Position – Gill warf sich aus dem Stand nach links und parierte mit ausgestrecktem Arm (105.+4, xGOT: 0,73). Bewertung: Herausragende Parade. Havertz traf den Ball gut, die Richtung war optimal – Gill war besser.Anton köpfte nach einer Ecke in der 119. Minute aus fünf Metern aufs Tor – Gill fing sicher (xGOT: 0,33). Bewertung: Ruhige, sichere Arbeit unter Druck.
Paraguay trat als Erster an. Für Deutschland scheiterten Kai Havertz (Gill parierte), Nick Woltemade (Gill parierte erneut) und Jonathan Tah (über das Tor) – Kimmich, Musiala und Amiri verwandelten souverän. Für Paraguay traf Mauricio, Gómez, Galarza und Canale (Matchball). Antonio Sanabria schoss vollständig am Tor vorbei – Paraguay blieb trotzdem vorne. Neuers Glanzmoment: Er hielt den Versuch von Fabián Balbuena sicher. Doch es reichte nicht – Tah folgte mit dem entscheidenden Fehlschuss, Canale traf danach eiskalt zum 3:4-Endstand.
Deutschland scheidet aus. Die Leistung über 120 Minuten war besser als die des Gegners – der Abend war trotzdem einer zum Vergessen. Eine fehlerhafte Schiedsrichterentscheidung, ein gehaltener Elfmeter der Kategorie „unhaltbar" und drei Fehlschüsse im Shootout: Das ist die Geschichte eines Ausscheidens, das sich nicht logisch anfühlt – und trotzdem eingetreten ist.
Manuel Neuer - Joshua Kimmich, Jonathan Tah, Antonio Rüdiger, Nathaniel Brown - Felix Nmecha, Aleksandar Pavlovic - Leroy Sané, Kai Havertz, Florian Wirtz, Deniz Undav
Orlando Gill - Juan Cáceres, Gustavo Gómez, José Canale, Júnior Alonso - Miguel Almirón, Damián Bobadilla, Andrés Cubas, Matías Galarza - Gabriel Ávalos, Julio Enciso
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