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Die Wiederauferstehung des Manuel Neuer - Ein Blick auf seinen Weg, den ihn zum heutigen Torhüter mit seiner grandiosen Spielweise gemacht hat.

von T. Rübe


Manuel Neuer mit seinen berühmten Kopfball-Einsätzen im WM-Achtelfinale 2014 (foto: firo)

Es war der 30.06.2014, das Achtelfinalspiel der Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Algerien. An diesem Tag stieg Manuel Neuer, damals schon Welttorhüter und zur absoluten Weltspitze zugehörig, zur Ikone der Torhüter auf. Zwar gab es mit Iker Casillas und Gianluigi Buffon bereits zwei weitere aktive Torhüter, die ebenfalls als Ikonen bezeichnet werden konnten, doch Manuel war anders und das bewies er gegen Algerien. Besonders in Erinnerung geblieben ist dabei eine Szene, in der er außerhalb des Strafraums den Ball in der Nähe der Seitenlinie einem Algerier regelrecht vom Fuß nahm.

Neuers Stärke bestand dabei weniger aus den absolut spektakulären Paraden auf der Linie, sondern darin, gegnerische Angriffe auch außerhalb des Strafraums zu unterbinden und mit seinem Spielaufbau schnell eigene Angriffe einzuleiten. Das soll Neuers Fähigkeiten aber nicht schmählern.

Infos zu M. Neuer:
  • Nationalität: Deutsch
  • Geburtstag: 27 . März 1986
  • Geburtsort: Gelsenkirchen-Buer, Deutschland
  • Verein: FC Bayern München
  • Position: Torwart
  • BL Spiele: 418
  • Liga: Bundesliga
  • Größe (cm): 193 cm
  • Bisherige Vereine als Spieler: FC Schalke 04
  • Erfolge: Weltmeister 2014, 2-Facher Champions-League-Sieger, 8-Facher Deutscher Meister, 5-Facher DFB-Pokal-Sieger, 5-Facher Welttorhüter, 3-Facher Goldener Handschuh-Gewinner torwart.de

Mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft manifestierte sich Neuers Status noch mehr. In der Folgezeit galt er als das Maß der Dinge, was das moderne Torwartspiel anbelangte. Unabhängig davon, dass auch damals weitere Spieler mit dem Prädikat Weltklasse auf sich aufmerksam machten. Gleichsam begann ab dem Jahr 2017 Manuel Neuer eine gewisse Verletzungsanfälligkeit zu begleiten. So brach sich Neuer innerhalb eines halben Jahres zweimal den linken Mittelfuß, während bereits zu Beginn des Jahres 2017 einen Haarriss im linken Mittelfuß erlitten hatte.

So benötigte Manuel Neuer bis kurz vor die WM 2018, um überhaupt wieder einsatzbereit zu sein. Von einer Top-Form konnte in diesem Zusammenhang keine Frage sein. Nicht ohne Grund wurde von vielen in diesem Moment gefordert, dass Marc-André ter Stegen die WM in Russland als Nummer 1 bestreiten sollte, denn erst in der Vorbereitung zur WM konnte Neuer wieder vollends in die Trainingseinheiten einsteigen und ihm fehlte darüber hinaus auch knapp eine vollständige Bundesliga-Saison an Spielrhythmus. Das Ende ist bekannt - Die deutsche Nationalmannschaft ging als amtierender Weltmeister in der Vorrunde sang- und klanglos unter und auch Manuel Neuer konnte der Mannschaft nicht weiterhelfen.

Auch nach der WM, in der Saison 2018/2019 spielte Neuer zwar meist gut und fehlerlos, war aber ein gutes Stück von dem Niveau weg, welches er bei dem Weltmeisterschaftsgewinn 2014 und auch in der Folgezeit hatte. So konnte er in der Bundesliga mit dem FC Bayern und dem neuen Trainer Niko Kovac die Meisterschaft und auch den DFB-Pokal gewinnen, aber mehr war nicht zu erreichen. Es gab bereits die ersten Stimmen, die einen Transfer auf der Torwart-Position anregen wollten.

Im WM-Jahr 2014 wurde Manuel Neuer nicht nur Weltmeister, sondern auch in jede Auswahl berufen, die ihn zum besten Torhüter der Welt machte (foto: firo)

Ähnlich verlief auch der Beginn der Saison 2019/2020. Der FC Bayern war nicht mehr unangefochten und war zwischenzeitlich auf dem 4. Tabellenplatz. All dies gipfelte in einer 1:5-Niederliga bei der Frankfurter Eintracht. Danach wurde Kovac entlassen und Hansi Flick, bisheriger Co-Trainer zum Cheftrainer ernannt. Der FC Bayern wurde über Nacht wieder zur Übermacht in der Bundesliga und auch in Europa und auch Neuer agierte fortan anders und stärker.

Mittlerweile agiert Manuel Neuer stärker als jemals zuvor, wie auch Hansi Flick im Rahmen zu Neuers 5. Ernennung zum Welttorhüter aussagte, in dem seinem Torhüter bescheinigte, in der Form seines Lebens zu sein, und das immerhin im Alter von 34 Jahren. Auch Karl-Heinz Rummenigge sprach in diesem Zusammenhang davon, dass Neuer in dieser Form wohl der beste Torhüter aller Zeiten ist. Aber wie kam es dazu? Wie konnte Neuer noch besser werden als 2014 mit 28 Jahren?

Rein körperlich betrachtet ist Neuer sicher noch in außergewöhnlicher Verfassung. Dennoch ist es kein Geheimnis, dass auch der Körper eines Hochleistungssportlers im Alter jenseits der 30 ein paar Prozentpunkte einbüßt. So wirkt Neuer auf der Linie nicht mehr so sprunggewaltig wie vor ein paar Jahren und auch in der Bundesliga gibt es zum Beispiel mit Yann Sommer und Oliver Baumann Torhüter, die sicher einen explosiveren Abdruck besitzen. Aber neben Lewandowski und Goretzka wirkt Neuer noch einmal deutlich austrainierter als viele seiner Mannschaftskollegen. Dies liegt auch daran, dass Neuer bis auf Fisch und Meeresfrüchte eher selten zu tierischen Produkten greift. So erreicht der mit 92 kg Körpergewicht eher schwerere Torhüter eine optimale Eiweißversorgung der Muskulatur, während er gleichzeitig den Kohlenhydratkonsum minimiert und auch die Versorgung mit gesunden Fetten optimal verläuft.

Die immer noch sehr gute Athletik hilft ihm auch beim Abfangen von hohen Bällen und Hereingaben. Dabei agiert Neuer aber ruhiger als früher. Er agiert dabei bedachter und geht nur zu den Bällen, bei denen er sich sicher ist, diese zu erreichen. Gleichzeitig ist das Timing derart herausragend, dass Neuer nahezu nie einen Ball nicht erreicht, während andere Keeper immer mal wieder eine Schwäche in diesem Bereich aufweisen. Ebenso fängt er diese Bälle sauber ab oder klärt sie so, dass diese nicht ad hoc wieder gefährlich für sein Tor werden können.

Auch bei der Spieleröffnung agiert Neuer effizienter. Riskante Pässe spielt er nur selten. Vielmehr geht er ein kalkuliertes Risiko ein, bei dem er abschätzen kann, ob der Pass auch noch beim Mitspieler ankommt oder nicht. So wählt er gern gut temperierte Pässe auf die Außenverteidiger oder Schläge und Würfe auf die Flügelspieler, wenn diese genügend Platz und Zeit haben, diesen Ball auch entsprechend zu verarbeiten. Ebenso verhält es sich mit Anspielen auf die zentralen Mittelfeldspieler. Schnelle Anspiele, die zu Konter führen könnten, aber ebenso auch abgefangen werden könnten sind bei Neuer gar nicht mehr zu beobachten.

So agiert Neuer auf der Linie bei Distanzschüssen und auch bei tornahen Abschlüssen immer noch herausragend, weil er viel über seine Körperlänge von 1,93 m kompensiert und er darüber hinaus häufig vorher bereits zu wissen scheint, wohin der Ball fliegen wird. Ergo agiert Neuer mit diesem Plus an Erfahrung. Gleichsam ist er aber auch immer noch so reaktionsschnell wie vor ein paar Jahren.

Auch im Champions-League-Finale 2020 war Kapitän Manuel Neuer mit mehreren Glanzleistungen die Schlüsselrolle, um den Sieg einzufahren (foto: firo)

Das Auffälligste bei Neuer ist aber das Agieren außerhalb des Strafraums, was quasi in jedem Spiel mehrfach zu beobachten ist. Neuer geht nur auf den ersten Blick ein höheres Risiko als in seiner ersten Blütezeit. Aufgrund seiner Erfahrung, der mittlerweile unübertroffenen Antizipation und der immer noch vorhanden Geschwindigkeit ist Neuer in der Lage, Pässe in die Schnittstelle der Abwehr vorauszuahnen und dementsprechend zu reagieren. Dabei ist neben der Handlungsschnelligkeit der „Top-Speed“ von Neuer mit immer noch knapp 30 Km/h mehr als beachtlich. Deutlich schneller sind nur wenige Torhüter. Dabei agiert aber niemand so ruhig und souverän außerhalb des Strafraums wie Manuel Neuer. Die Fehlerquote ist dabei erstaunlich gering. Obwohl Manuel Neuer nahezu in jedem Spiel mehrfach vor dem eigenen Strafraum agiert und potenzielle Torchancen so vor deren eigentlicher Entstehung vereitelt, gab es bisher in 13 Ligaspielen erst eine Situation, bei der er nicht optimal agierte. Dies war bei dem Leipziger Führungstreffer am 10. Spieltag beim 3:3. Weitere Fehler sind ihm bisher nicht unterlaufen.

Dabei agiert die Bayern Abwehr beileibe nicht so solide wie es häufig scheint, denn sehr häufig muss man auf den Welttorhüter als defensive Lebensversicherung zurückgreifen. Aber Manuel Neuer schafft es in unheimlicher Regelmäßigkeit, verkappte Torchancen, klare Torchancen und selbst Großchancen zu parieren. So war es auch Manuel Neuer, der einen großen Anteil daran hatte, dass der FC Bayern München unter dem neuen Trainer Hansi Flick das Triple aus der nationalen Meisterschaft, dem nationalen Pokal und dem Sieg der Champions League. In jedem wichtigen Spiel war Neuer gefordert und hielt bravourös und spielte mit einer stoischen Ruhe.

Es ist wohl die Kombination aus einer weiterhin überragenden Fitness, der Erfahrung eines 34-jährigen Spielers, der in jedem denkbaren Finale stand und auch schon jeden Titel gewonnen hat und einer Antizipation, die ausgeprägter nicht sein könnte. Neuer geht immer nur ein kalkuliertes Risiko ein und agiert nicht mehr übermotiviert. Er weiß ganz genau, wann er sich wie verhalten muss und wo er zu stehen hat.

Manuel Neuer hat es dabei geschafft, nach einem Tal im Jahr 2018 nicht nur auf sein altes Niveau zu kommen, sondern sein Spiel zu perfektionieren, indem er potenzielle Fehlerquellen behoben hat und agiert so stärker als je zuvor. Es erinnert etwas an Edwin van der Sar, jenen Torhüter, der immer als Blaupause für Neuer herangezogen wurde. Auch van der Sar spielte jenseits der 30 seinen besten Fußball. Auch bei Neuer ist dies der Fall, mit dem Unterschied, dass Manuel Neuer auf einer Ebene steht, die so noch niemand vor ihm erreicht hat und er das Torwartspiel so einzigartig und gleichzeitig wegweisend geprägt hat, dass auch nachfolgende Generationen mit Stil eines Manuel Neuer verglichen werden.


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