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Lars Leese - "hautnah" bei torwart.de (20.04.08)

"Vorbilder sind nötig"

von Alex Raack


Leese und Elton (Foto: Firo)

Lars Leese war der „Traumhüter“ und wechselte von einer Kneipen-Riege zu Bayer Leverkusen und in die Premier League. Heute ist der 38-Jährige Trainer beim Oberligisten SSG 09 Bergisch-Gladbach. Hier erzählt er von der Lehmann-Legitimation, der Erbschaft von Alex Ferguson und verrät, warum es keine guten Torhüter in England gibt.

torwart.de: Lars Leese, auf ein Gute-Laune-Interview brauchen wir wohl nicht zu hoffen: Mit Ihrem Verein, der SG 09 Bergisch-Gladbach haben Sie am vergangenen Wochenende wohl endgültig die Chance auf den Klassenerhalt vertan.

Lars Leese: Ja, leider. Es sind zwar noch einige Spiele zu absolvieren, aber praktisch ist der Abstieg nicht mehr zu verhindern. Wir mussten dem enormen Wettrüsten vor dieser Saison Tribut zollen. Sieben Mannschaften steigen in diesem Jahr ab, da war der Wettkampf brutal und den Gang in die Insolvenz, den so viele Amateurmannschaften in Nordrhein-Westfalen antreten mussten, wollten wir nicht riskieren. Immerhin: Wir haben einen guten Ball gespielt, oft nur knapp die Punkte verloren.

torwart.de: Können Sie die Struktur ihres Vereins erklären? So wie es sich anhört wird das Geld nicht mit vollen Händen aus dem Fenster geworfen…

Leese: Als ich vor drei Jahren hier als Trainer anfing, haben wir einen neuen Vorstand gegründet und ein neues Umfeld geschaffen. Ich habe jahrelang selbst in der Oberliga gespielt und kann deswegen behaupten: Einen seriöseren Verein habe ich in dieser Spielklasse noch nicht gesehen. Was man im Vertrag stehen hat, bekommt man auch, die Gehälter werden pünktlich ausgezahlt. Die Infrastruktur hier ist klasse, zusätzlich haben wir ein Stadion für 12.000 Zuschauer, außerdem zwei Rasen-Trainingsplätze, Kunstrasen und so weiter. Was uns fehlt ist der ein oder andere große Sponsor mit dem wir es uns mal erlauben können einen Topstürmer zu holen, der dann 2000 Euro im Monat bekommt. Das können wir uns momentan absolut nicht erlauben.

torwart.de: Nun stehen Sie ja kurz vor der Prüfung zum Fußballlehrer…

Leese: (unterbricht) Nein, mit Ausbildung beginne ich erst im Sommer. Das war jetzt zunächst die Eignungsprüfung. Die Ausbildung ist neu strukturiert worden. Von 80 anfänglichen Teilnehmern dürfen nun 20 die elfmonatige Ausbildung machen. Und ich bin, gottseidank, dabei.

torwart.de: Für Sie gibt es also keinen Sonderstatus, wie für Lothar Matthäus?

Leese: (lacht) Nein, ich habe auch keine 150 Länderspiele gemacht. Dass man Matthäus bevorzugt behandelt, finde ich vollkommen in Ordnung. Seien wir doch mal ehrlich: Ich habe zwar auch Fußball gespielt, ein Jahr sogar in der Premier League, aber ich bin kein Welt- und Europameister und habe auch nicht die Champions League gewonnen! Außerdem hatte Matthäus eine große Anzahl an absoluten Toptrainern, er hat sich seine Sonderbehandlung erarbeitet. Wahrscheinlich würde ich das für mich auch einfordern, wenn ich Matthäus hieße.

torwart.de: Als Fußballlehrer wären Sie aber trotzdem ein Sonderfall: Warum arbeiten eigentlich so wenige ehemalige Torhüter als Trainer?

Leese: Das hat mich auch total verwundert. Denn: Der Torhüter nimmt auf dem Platz eine ähnliche Position wie der Trainer ein, beobachtet die meiste Zeit das Spielgeschehen aus der Totalen. Ich bin der Meinung, dass ich als Torwart über 20 Jahre lang taktisch die beste Sichtweise hatte. Ein Mittefeldspieler beispielsweise kann diese Sicht gar nicht haben, weil er viel zu sehr involviert ist. Außerdem bin ich als Torhüter auch dafür zuständig die einzelnen Mannschaftsteile so zu verschieben, dass das alles passt. Deswegen verstehe ich das eigentlich nicht, warum nur so wenige Torhüter gute Trainer geworden sind. Wen kann man da überhaupt nennen? Dino Zoff, aber der ist nun auch nicht als großer Trainer in Erinnerung geblieben. Dirk Hayne fällt mir noch, der ist in Magdeburg. Und sonst? In der Bundesliga gibt es aktuell jedenfalls keinen Torhüter, der als Cheftrainer fungiert. Da muss sich was ändern! (lacht)

torwart.de: Was verbindet Torhüter und Trainer?

Leese: Du kannst als Torwart in die Taktik eingreifen, du musst es sogar. Du bist die ganze Zeit am rufen und ordnest die Abwehr. Das ist ja im Prinzip auch das, was der Trainer während des Spiels oder beim Training macht.

torwart.de: Auffällig ist allerdings, dass immer mehr ehemalige Abwehrspieler an der Außenlinie zu finden sind. Thomas Schaaf, oder Ede Becker beispielsweise. Woran liegt das?

Leese: Der moderne Profifußball funktioniert heute nur mit enormer Kompaktheit, die Spieler müssen dafür tief stehen, die Räume zu laufen und sich permanent verschieben. Alles Aufgaben, die ein Verteidiger von der Picke auf lernen muss – anders als Mittelfeldspieler und Stürmer. Deswegen wundert mich dieser Trend nicht. Die Mannschaften sind auf Ergebnissicherung bedacht. Ein aggressives Forechecking auch beim Stand von 0:0, wie es in England gespielt wird, gibt es ja in Kontinentaleuropa so gut, wie gar nicht mehr.

torwart.de: Wie reden Ihre Spieler Sie eigentlich an: Mit „Trainer“ oder „Traumhüter“?

Leese: Als „Traumhüter“ jedenfalls nicht. Entweder mit „Trainer“ oder „Du“.

Lars Leese (Foto: Firo)

torwart.de: Was sind Sie für eine Trainer-Typ? Der harte Hund, oder doch eher der Kumpel an der Außenlinie?

Leese: Naja, wahrscheinlich bin ich eher so ein Mittelding zwischen beiden Typen. Mit einigen meiner Spieler habe ich noch zusammengespielt, außerdem bin ich mit 38 auch altersmäßig nicht so weit entfernt. Ich versuche mir das gewisse Maß an Autorität über die fachliche Kompetenz zu erarbeiten. Bei mir gibt auch einen Strafenkatalog, ohne Disziplin geht es eben nicht. Man versucht halt seine Schäfchen in die richtige Spur zu lenken. Allerdings kommt man bei einem Amateurverein, wo jeder Spieler einen Job hat und man tatsächlich zusammen in einem Boot sitzt, gar nicht um diese Kumpelgeschichte Drumherum. Meine Jungs kommen teilweise noch mit dem Blaumann zum Training, wenn ich die abends noch zusammenscheiße und drille, wie bei der Bundeswehr, würde das alles gar nicht funktionieren. Ein gewisses Maß an Spaß gehört dazu.

torwart.de: Gibt es eine bestimmte Spielphilosophie, die der Trainer Lars Leese vertritt?

Leese: Ich habe schon ein System, auf das ich vertraue. Wir spielen meistens 4-2-3-1, also ganz modern mit zwei Sechsern vor der Abwehr, wie das auch bei vielen Spitzenklubs inzwischen üblich ist. Dann versuchen wir natürlich noch zwei, drei andere Spielsysteme einzustudieren, um auf bestimme Spielstände zu reagieren. Zurzeit schießen wir zwar viele Tore, bekommen aber auch eine Menge eingeschenkt. Wir arbeiten also noch an der Balance, wie es so schön in der neuen Trainersprache heißt…

torwart.de: Haben Sie sich in Ihrer aktiven Zeit etwas von den Trainern abschauen können, die Sie trainiert haben?

Leese: Natürlich nimmt man ein bisschen was mit. Man versucht dann das Gute zu übernehmen, und das Schlechte zu verändern. Jeder Fußballer hat sich ja schon einmal gefragt: „Hat der Alte sie heute noch alle, was soll der Scheiß denn?“ So ist das als Trainer, man kann es nie jedem recht machen.

torwart.de: Gibt es eigentlich etwas Unnötigeres als eine Torhüter-Diskussion in Deutschland?

Leese: Nein, das ist schon nötig! Wir hatten die Konstellation noch nicht, dass ein Torhüter, der bei seinem Verein auf der Bank sitzt für die Nationalmannschaft bei einem großen Turnier aufläuft. Das ist einzigartig und insofern ist eine Diskussion darüber durchaus gerechtfertigt.

torwart.de: Ein schönes Zusatz-Kapitel in ihrem Buch wäre doch: 8. Juli, Klagenfurt, und Lars Leese steht gegen Polen zwischen den Pfosten.

Leese:(lacht) Da hätte ich natürlich nichts dagegen, dafür müsste ich nur mal wieder die Handschuhe anziehen. Im Ernst: Ich werde im Rahmen der Fußballlehrerausbildung einige Spiele bei der EM zu sehen bekommen, hoffentlich auch Partien mit deutscher Beteiligung und drücke demjenigen, der im Tor der Nationalmannschaft steht, natürlich beide Daumen.

torwart.de: England hat die Qualifikation dagegen nicht geschafft. Liegt das auch an den schwachen Torhütern, die auf der Insel ihr Unwesen treiben?

Leese: Das ist auf jeden Fall ein Grund dafür. Selbst wenn Sie bei einem Turnier dabei sind: derjenige, der im Tor steht, schießt immer ein oder zwei Böcke. Garantiert. Die Engländer haben ein Torhüterproblem, das ist so. Ich habe das während meiner Spielzeit in England beobachten können: Die Keeper bekommen eine komplett andere Ausbildung. Dort wurde unglaublich viel Wert auf Abschläge, auf die schnelle Spieleröffnung gelegt. Der Fokus lag auch eher auf Antizipation statt auf Reflexen und Sprungkraft. Das hat mich damals auch sehr gewundert und ich habe es nicht adaptiert, einfach, weil ich schon zu lange Torhüter war, als das ich mich umstellen wollte. Das Torwarttraining war komplett anders. Und schauen Sie sich die Top-Torhüter in der Premier-League an: Alles Ausländer. So gesehen ist es ein „Glück“ für die Engländer, dass sie bei der EM nicht dabei sind und ausprobieren können, wer denn nun zwischen die Pfosten gehört.

torwart.de: Warum gibt es keine guten Torhüter in einem Land, das als Mutterbrust des Fußballs gilt und die aktuell beste Liga der Welt beheimatet?

Leese: Weil es seit 25 Jahren keinen einzigen Top-Torhüter mehr gab auf der Insel! Auch Peter Shilton war meiner Meinung nach kein Weltklassemann. Da muss man sich einfach mal die Turniere angucken, bei denen Shilton im Tor stand. Das war nicht überragend und Shilton hat im Nachhinein diesen Legendenruf nur deswegen erhalten, weil er noch im hohen Alter Nationaltorwart war. Was ich damit sagen will: Seit fast einem Vierteljahrhundert haben die jungen Nachwuchsfußballer in England keinen Torhüter mehr als Vorbild. Die wollen so sein wie Beckham, Rooney oder Christiano Ronaldo. In Deutschland ist das anders. Mein zehnjähriger Sohn findet Oliver Kahn klasse und steht deswegen im Tor. Wir haben die Vorbilder und deshalb auch immer wieder große Talente.

torwart.de: Können Sie den Engländern denn Hoffnungen machen, dass auch sie mal wieder gute Torhüter zur Auswahl haben?

Leese: Wenn man sich die Entwicklung so ansieht, wird das schwierig. Sehr schwierig sogar. Die besten Mannschaften der Liga setzen auf ausländische Keeper, und der Nachwuchs hat so keine Möglichkeit sich in der Champions-League mit den besten Stürmern der Welt zu messen. Wie soll sich ein Torhüter in Sunderland oder sonstwo dann weiter entwickeln?

torwart.de: Abschließend noch die Frage: Ihre bisherige Karriere als Trainer scheint ähnlich aufregend zu verlaufen, wie die Spielervita. Wie sehr prägen diese ersten Erfahrungen im Trainergeschäft?

Leese: Für meine persönliche Entwicklung sind diese drei Jahre natürlich enorm von Bedeutung. Ich bin mit meiner Mannschaft aufgestiegen, habe die Klasse gehalten und werde nun aller Voraussicht nach wieder absteigen, auch wenn die Konstellation mit sieben Absteigern besonders ist. Ich habe bislang viel lernen und reifen können. Als Trainer bist du ja für den Verlauf der Spiele mitverantwortlich. Ich habe falsche Entscheidungen getroffen und meine Schlüsse daraus ziehen müssen. Ich denke, dass die Zeit bei Bergisch-Gladbach deshalb eine überragende Schule ist.

torwart.de: Wenn also alles nach Plan verläuft, sind sie bald der „Traumtrainer“ und beerben Alex Ferguson in Manchester?

Leese: Dann geht´s bald in die Champions League, genau!


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