Die WM ist in Gefahr
Dazu kommt die fatale Konstellation: Girona denkt laut darüber nach, die Leihe abzubrechen und ihn per Klausel zurück nach Barcelona zu schicken. Wenn es dazu käme, wäre der Worst-Case für den ambitionierten Torhüter eingetreten: Von Girona zurückgeschickt und in Barcelona ohne Aussicht auf Spielzeit. Die WM als Stammtorhüter wäre nicht nur in Gefahr, sondern im Grunde genommen utopisch. Bundestrainer Julian Nagelsmann und Sportdirektor Rudi Völler haben klar formuliert, was sie erwarten: Torhüter mit Spielpraxis, mit belastbaren Wochen, mit echten Referenzen aus Pflichtspielen. Genau das hat ter Stegen zuletzt nicht mehr gehabt – und genau das nimmt ihm die Verletzung jetzt erneut. Seine Geschichte entbehrt dabei nicht einer gewissen Tragik. Vor der WM 2018 war Manuel Neuer lange verletzt, konnte fast ein Jahr nicht spielen und blieb dennoch die Nummer 1, während ter Stegen zuvor konstant stark spielte und von vielen als die eigentliche Nummer 1 gesehen wurde. Dennoch spielte Neuer. Dies wiederholte sich vor der EM 2024 im eigenen Land.
Die WM 2026 sollte das große Turnier des Marc-André ter Stegen werden. Endlich heraus aus dem Schatten des Weltmeisters von 2014 und dazu bereit, selbst das wichtigste Turnier seiner Karriere zu spielen. Er war über Jahre der Garant, der „sichere Rückhalt“, der mit Paraden Spiele festhält, Ruhe und Souveränität ausstrahlt und auch fußballerisch zu überzeugen wusste. Genau dieses Bild bekommt jetzt Risse – nicht, weil er plötzlich schlechter performt, sondern weil er zu selten überhaupt im Tor steht. Für einen Torhüter ist das die brutalste Form der Krise: nicht im Strafraum, sondern im Behandlungszimmer festzustecken. Wenn man das alles aus der Distanz betrachtet, bleibt ein Torwart, der alles richtig zu machen versucht hat – Vereinswechsel, Risiko für Spielzeit, klares Bekenntnis zur WM – und dennoch von Faktoren eingeholt wird, die er nur bedingt steuern kann.
Die erneute Verletzung in Girona ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom dafür, wie schmal der Grat geworden ist, auf dem seine Karriere aktuell balanciert. Das ist die tragische Pointe: Marc-André ter Stegen hat sich fußballerisch in jene Kategorie gespielt, in der ein einziger Sommer ein Vermächtnis zementiert – als Nummer eins bei einer Weltmeisterschaft. Und genau auf dem Weg dorthin entscheidet jetzt nicht mehr nur seine Qualität, sondern vor allem die eine Frage: Hält der Körper noch einmal durch? Sollte dies nicht der Fall sein, wird ihm wohl ewig der Status des Unvollendeten anhaften. Der stille Profiteur dieser Situation könnte Oliver Baumann sein, der „Mister Zuverlässigkeit“ unter den deutschen Torhütern. Baumann ist in seiner Karriere bisher nie langfristig ausgefallen und hat sich über die Jahre stetig in die Nationalmannschaft hineingearbeitet, wo er seinen Platz nun immer weiter zementiert.
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