Tudor als der wahre Schuldige
Ehemalige Torhüter und Experten sehen das deutlich kritischer: Paul Robinson nannte Tudors Vorgehen „egoistisch“ und sprach von Selbstschutz eines Trainers, der wisse, dass seine eigene Position wackelt – und der den Torwart vor laufender Kamera zum Symbol des Scheiterns macht. Interessanterweise hatte Tudor als Trainer bislang eine wirklich erfolgreiche Zeit, als er in der Saison 2024/2025 kurz vor dem Saisonende Juventus Turin übernahm und die „Alte Dame“ noch mit einem starken Schlussspurt in die Champions League führte. Weder davor noch jetzt bei den Spurs ist er ähnlich erfolgreich.
Der Coach versucht, die Geschichte zu drehen: „Wir stehen hinter ihm, wir halten alle zusammen, es geht nie um einen einzelnen Spieler.“ Aber er hat seinen jungen Torwart zum Sündenbock stilisiert und ihn bewusst in den Fokus gerückt, um von sich selbst abzulenken. Die Partie war nach dem desolaten Start und dem 0:3 bereits entschieden. Mit der Auswechslung von Kinský konnte Tudor das Spiel gar nicht mehr retten. Vicario kassierte im Übrigen in seiner ersten Szene ebenfalls ein Gegentor – das zwischenzeitliche 0:4. Statt seinem jungen Torwart den Rücken zu stärken, indem er ihn weiterspielen ließe, stellte er ihn demonstrativ und nonverbal an den Pranger. Bei der Auswechslung würdigte der Coach seinen Torwart keines Blickes.
Tudor selbst erntete die Kritik, die er auf den Torwart abwälzen wollte. So sagte der frühere Weltklasse-Torwart Peter Schmeichel im US-Fernsehen bei CBS: „Er wechselt ihn aus. Das wird Auswirkungen auf den Rest seiner Karriere haben. An diesen Moment wird sich jeder im Fußball für immer erinnern, sobald er seinen Namen hört. Du triffst deine Entscheidung als Trainer. Es gab keine Möglichkeit, dass das Team nach dem 0:3 zurückkommt. Du musst an ihm festhalten – mindestens bis zur Halbzeit.“
Welche Bedeutung hat diesbezüglich Torwarttrainer Fabian Otte?
Während sich Tudor mit Romero vermeintlich über die Auswechslung austauschte, ist indes ein Dialog mit dem Torwarttrainer der Spurs, Dr. Fabian Otte, nicht bekannt bzw. wurde dieser nicht beobachtet. Daher ist es natürlich auch reine Spekulation, inwieweit der Torwarttrainer, der tagtäglich mit Kinský arbeitet, in die Entscheidung involviert war. Als äußerst renommierter Trainer sollte Otte wohl versucht haben zu intervenieren, als es um die Auswechslung ging. Klar ist, dass ein derartiges Verhalten jedem modernen Verständnis einer vernünftigen und nachhaltigen Torwartentwicklung widerspricht. Fabian Otte hat seine Doktorarbeit sogar über das moderne Torwarttraining an der Deutschen Sporthochschule Köln verfasst, inklusive des pädagogischen und psychologischen Ansatzes. Ihm muss und wird bewusst gewesen sein, dass Tudor mit dieser Aktion einen jungen Torwart, seine Reputation und seine langfristige Entwicklung maßgeblich beeinträchtigt und beschädigt. Nun liegt es am Torwarttrainer, seinen Schützling wieder aufzubauen.
Für den Torwarttrainer, der zuvor bei der TSG 1899 Hoffenheim, Borussia Mönchengladbach, der US-amerikanischen Nationalmannschaft und dem FC Liverpool gearbeitet hat, ist es die wohl die bisher schwerste Aufgabe. Er muss nun auch intern für seinen Keeper werben und dabei in gewisser Weise auch gegen den Cheftrainer arbeiten, der bereits vor der Niederlage in Madrid in der Öffentlichkeit angezählt war. Es wird darüber hinaus nun interessant sein, inwieweit Kinský sich möglicherweise in weiteren Spielen beweisen darf. Es wäre ihm persönlich zu wünschen. Nach diesem Dienstagabend erscheint es indes als sehr unwahrscheinlich.
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