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Pascal Formann: „Wir sind die Gejagten!“

Neustart im Tor: Torwarttrainer Pascal Formann über Wolfsburgs Weg zurück

Autor: M. Schäfer - 29.07.2026
 

Der VfL Wolfsburg steht nach dem Abstieg vor einem Neustart in der 2. Bundesliga. Auch im Torwartteam gibt es Veränderungen: Mit Timon Wellenreuther geht eine neue Nummer eins in die Saison. Gleichzeitig beginnt unter dem neuen Cheftrainer Tobias Strobl eine neue sportliche Phase.

Im großen Sommerinterview mit torwart.de spricht Pascal Formann, Torwarttrainer des VfL Wolfsburg, über die Aufarbeitung des Abstiegs, das neu formierte Torwartteam und die Herausforderungen der 2. Bundesliga. Darüber hinaus blickt Formann auf die WM 2026, ordnet die Leistungen von Manuel Neuer ein und spricht über mögliche Kandidaten für die Zukunft im deutschen Tor.

torwart.de: Mit etwas Abstand zum Saisonende: Wie fällt dein persönliches Fazit der vergangenen Spielzeit aus – insbesondere mit Blick auf die Entwicklung eures Torwartteams? Welche Erkenntnisse habt ihr als Trainerteam aus dem Abstieg gezogen?

Pascal Formann: Natürlich hätten wir es gerne geschafft. Auch mit dem Trainerwechsel zu Dieter Hecking hatten wir noch einmal große Hoffnung. Im entscheidenden Spiel war Paderborn bei allem Respekt sicherlich nicht das bessere Team. Trotzdem hat sich über die Saison schon abgezeichnet, dass es in diese Richtung gehen könnte.

Wir hatten über die Saison gesehen drei Trainer. Zwar hat man nach den Wechseln immer wieder eine gewisse Aufbruchseuphorie gespürt, aber am Ende sind wir selbst verantwortlich und müssen das jetzt wieder geraderücken.

Torwarttrainer
Pascal Formann
Geboren16. November 1982 (43) · Werne, Deutschland
LizenzUEFA Torwarttrainer-A-Lizenz
Vereine als TrainerHessen Kassel (2009–12) · Charlton Athletic (2012–13) · VfL Wolfsburg Nachwuchs (2013–17) · VfL Wolfsburg Profis (seit 2017)
Vereine als SpielerNottingham Forest, Grantham Town, Arminia Bielefeld, 1. FC Saarbrücken, BV Cloppenburg, Hessen Kassel

Aus Sicht des Torwartteams bleibe ich bei meiner Meinung. Natürlich muss man sich, wenn man viele Gegentore kassiert, anschauen, was bei dem einen oder anderen Gegentor passiert ist. Grundsätzlich muss ich aber sagen: Unsere Torhüter sind herausragend in ihrer Mentalität und in ihrem Einsatz, tagtäglich alles geben zu wollen.

Ich finde auch, dass Kamil Grabara mit ein paar Abstrichen eine ordentliche Saison gespielt hat. Seine Leistung spiegelt sich für mich nicht im Tabellenstand der Mannschaft wider. Klar ist aber auch: Er ist ein Teil der Mannschaft und kann sich davon nicht ausnehmen.

Insgesamt bin ich relativ zufrieden damit, wie er diese Saison performt hat. Dazu kommt sein Weg in die Nationalmannschaft und dass er dort seine Spiele bekommen hat, die er sich verdient hat. Trotzdem muss man klar sagen, dass wir mit ganz anderen Ansprüchen in die Saison gegangen sind. 

 

torwart.de: Ein Abstieg ist auch mental eine enorme Herausforderung. Welche Rolle übernimmt der Torwarttrainer in einer solchen Phase? Wie hast du versucht, deinen Torhütern Orientierung und neues Selbstvertrauen zu geben?

Pascal Formann: Unsere drei erfahrenen Torhüter – Marius Müller, Kamil Grabara und Pavao Pervan – bringen natürlich enorme Erfahrung mit. Ich glaube deshalb nicht, dass man sie in einer solchen Situation mental besonders auffangen muss.

Sie lassen sich von den Dingen, die von außen kommen, nicht aus der Ruhe bringen. Bei einem jungen Torhüter müsste man wahrscheinlich mehr unterstützen.

Kamil hat einfach seinen Job gemacht und sich unabhängig von der Tabellensituation auf jedes Spiel professionell vorbereitet. Unsere Torhüter sind mental so stark, dass ich in diesem Bereich gar nicht viel zusätzliche Arbeit leisten musste.

 

torwart.de: Mit Tobias Strobl beginnt beim VfL Wolfsburg eine neue sportliche Phase. Wie liefen eure ersten Gespräche? Welche Vorstellungen hat er vom Torwartspiel und wie gestaltet sich eure Zusammenarbeit?

Pascal Formann: Tobias Strobl ist jetzt seit ein paar Wochen da. Natürlich hatten wir auch während der Sommerpause das eine oder andere Gespräch. Ich habe mich vorher ebenfalls informiert und viele Spiele gesehen.

Es ist ein etwas anderer Ansatz als der, den wir in den vergangenen Jahren hatten. Er will einen sehr ballbesitzorientierten Fußball spielen. Der Torhüter ist dabei sehr stark eingebunden und wir wollen von hinten herausspielen.

Die Zusammenarbeit ist professionell und von Vertrauen geprägt. Meine Aufgabe ist es, Tobias zu unterstützen und natürlich die Torhüter so vorzubereiten, dass sie zu diesen Spielstil passen. Das bedeutet viel Ballbesitz und eine starke Einbindung in das Aufbauspiel.

Aber bei allem sollte man nicht vergessen: Torhüter sind zunächst einmal dafür da, den Kasten sauber zu halten und Bälle zu halten. Und dafür bin ich ebenfalls verantwortlich.

 

torwart.de: Wie stellt sich das Torwartteam für die neue Saison auf? Welche Schwerpunkte werdet ihr in der Vorbereitung setzen?

Pascal Formann: Es war geplant, dass wir mit dem neu verpflichteten Timon Wellenreuther als Nummer eins in die Saison gehen. Leider hat er sich im Testspiel gegen Olympique Lyon am Knie verletzt und wird mehrere Wochen ausfallen. Wir werden keine neue Nummer eins verpflichten und mit Pavao Pervan und Jakob Zieliński in die Saison gehen. Dazu kommt ein Torhüter aus der Jugend, der regelmäßig bei uns trainieren wird. Optional werden wir noch einen Torhüter mit Erfahrung holen, der jedoch als Trainingstorwart agieren wird. Das Vertrauen haben Pavao und Jakob und wir hoffen natürlich, dass Timon möglichst schnell wieder zurückkehren wird.

Dann muss man schauen, was mit Kamil Grabara passiert. Er steht weiterhin bei uns unter Vertrag, hat noch keine neue Herausforderung gefunden und trainiert ganz normal mit. Marius Müller ist zum FC Aberdeen gewechselt.

An meinem Trainingsstil und meiner Philosophie werde ich grundsätzlich nichts verändern. Ich bleibe meiner Linie treu. Natürlich muss man sich immer ein bisschen auf einen neuen Trainer und neue Gegebenheiten einstellen. Aber grundsätzlich arbeite ich genauso weiter, weil ich glaube, dass das in der Arbeit mit den Torhütern in den vergangenen Jahren konstant und gut funktioniert hat.

torwart.de: Die 2. Bundesliga gilt als besonders intensiv und physisch. Welche Anforderungen stellt sie speziell an die Torhüter? Und verändert der Wechsel in die 2. Bundesliga auch deine Arbeit als Torwarttrainer?

Pascal Formann: Ich glaube, dass der Unterschied auf der Torwartposition nicht riesig ist. Klar, ein Harry Kane wird vielleicht etwas anders schießen als ein Stürmer aus der 2. Bundesliga. Aber grundsätzlich musst du deine Leistung abrufen und hoch fokussiert und konzentriert sein.

Vielleicht werden kleinere Fehler in der 2. Bundesliga nicht sofort so ausgenutzt wie in der Bundesliga. Ich werde deshalb aber definitiv nicht anders trainieren.

Ich werde meine Philosophie, die in den vergangenen Jahren sehr gut funktioniert hat, weiterführen. Natürlich muss man immer nach links und rechts schauen: Was gibt es für Neuerungen? Welche Details kann man noch einfließen lassen? Aber grundsätzlich bin ich von diesem Weg überzeugt.

torwart.de: Der direkte Wiederaufstieg wird sicherlich das große Ziel sein. Welche Eigenschaften braucht ein Torhüter, um in einer solchen Saison ein entscheidender Faktor für seine Mannschaft zu sein?

Pascal Formann: Ein Torhüter braucht in einer solchen Situation neben seinen torwartspezifischen Qualitäten vor allem Erfahrung und Ruhe, um mit diesem Druck umgehen zu können. Die mentale Stärke ist für mich dabei sehr wichtig.

Deshalb haben wir uns auch für Timon Wellenreuther entschieden. Er bringt diese Erfahrung aus dem Hexenkessel in Rotterdam mit. Da sind wir aus meiner Sicht so gut aufgestellt, dass uns die mentale Situation auf dieser Position nicht beeinträchtigen sollte.

torwart.de: Welche Erkenntnisse nimmst du aus der WM 2026 für das moderne Torwartspiel mit? Und welche Torhüter haben dich besonders überzeugt oder überrascht?

Pascal Formann: Das ist manchmal schwierig zu beantworten. Ich glaube, es gibt immer die Torhüter, die einfach eine gute WM spielen.

Es gibt aber auch Länder, bei denen die Torhüter relativ wild agieren. Sie halten natürlich tolle Bälle, stehen aber teilweise nicht gut in ihrer Position oder machen wilde Sachen.

Auf der anderen Seite gibt es die etablierten Torhüter, die stetig ihre Leistung bringen, weil sie diese Konstanz über sehr viele Jahre und sehr viele Spiele haben. Das zeichnet die wirklich guten Torhüter aus.

torwart.de: Deutschland hat bei der WM erneut auf Manuel Neuer gesetzt. Wie bewertest du seine Leistungen?

Pascal Formann: Eigentlich steht es mir nicht zu, das abschließend zu beurteilen, weil ich keine Interna kenne. Ich fand das Thema rund um Manuel Neuer insgesamt aber relativ unglücklich und glaube, dass man es im Gesamtpaket nicht so gut gelöst hat.

Seine Leistungen waren für mich, ich würde es einmal so sagen, normal. Vielleicht konnte er sich aber auch gar nicht über das Maß hinaus auszeichnen, weil es teilweise keine Bälle gab, bei denen er wirklich herausragen konnte.

Es ist für ihn einfach unglücklich gelaufen. In jedem Spiel ein Gegentor und teilweise ist der erste Schuss direkt drin. Aber grundsätzlich ist das Ausscheiden definitiv nicht an seiner Person festzumachen. Darauf konnte er in beide Richtungen nicht viel Einfluss nehmen.

torwart.de: Wie sollte der DFB auf der Torhüterposition nach der WM weiterplanen? Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die nächste Generation konsequent aufzubauen?

Pascal Formann: Grundsätzlich muss man irgendwann über einen Generationswechsel nachdenken. Nur: Was ist das Richtige? Wer ist der Richtige? Und auf wen baut man auch dann weiter, wenn es vielleicht einmal nicht sofort funktioniert?

Ich finde, um Nationaltorhüter zu sein, sollte man möglichst an die 100 Prozent der Spiele im Verein machen. Das ist für mich relativ wichtig.

Es gibt einige Kandidaten, die in Zukunft mitreden sollten. Bei Alexander Nübel muss man schauen, wie er jetzt in der Türkei performt.

Jonas Urbig hat das in den Spielen, in denen er bei Bayern zum Einsatz kam, herausragend gemacht. Ich war selbst beim Pokalfinale und fand die Klarheit und die Routine, die er dort mitgebracht hat, sehr, sehr beeindruckend.

Dann muss man sehen, was der nächste Schritt bei Noah Atubolu ist. Außerdem spielt mit Bernd Leno immer noch ein Torhüter in England, der über Jahre tolle Leistungen bringt und irgendwie gar nicht so richtig auf dem Zettel ist.

Auch Tjark Ernst gehört für mich dazu. Hinzukommen können ein oder zwei Torhüter, die eine sehr gute Bundesliga-Saison spielen.

Eines finde ich aber wichtig: Man sollte den Pool auf drei, vier, fünf oder maximal sechs Torhüter begrenzen und daraus dann klar ableiten, in welche Richtung man gehen möchte.

torwart.de: Wenn wir dieses Interview in einem Jahr erneut führen: Was müsste bis dahin passiert sein, damit du sagen kannst, dass sich der VfL Wolfsburg und das Torwartteam in die gewünschte Richtung entwickelt haben?

Pascal Formann: Es geht um harte Arbeit. Uns wird definitiv nichts geschenkt. Wir sind die Gejagten.

Wir haben Qualität im Kader. Aber diese Qualität wird nur zur Geltung kommen, wenn wir jede Woche die Basics auf den Platz bringen. Jeder Gegner wird gegen uns alles reinwerfen und uns stolpern sehen wollen.

Von unserem Torwartteam erwarte ich vor allem Konstanz, Ruhe und Ausstrahlung. Die Grundlage dafür muss täglich auf dem Trainingsplatz gelegt werden.

Wir müssen über Emotionen, Leidenschaft und Mentalität zu unserem spielerischen Fußball finden. Andersherum wird es nicht funktionieren.


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